Theaterstück „Extrawurst“ von Dietmar Jacobs und Moritz Nietenjakob, Aufführung am 12.Mai 2023 im Kolpingsaal der Stadt Werne an der Lippe
Der Verein ist ein besonderer Kosmos in Deutschland. Bestimmt durch die Gesetzgebung, bietet er vor allem Selbstdarstellern und armen Würstchen die Möglichkeit, sich groß und bedeutend erscheinen zu lassen. Solche Vereinsmeier (gelegentlich auch Vereinsmeierinnen) sind überall anzutreffen, ganz gleich ob Sportverein, Gesangsverein, Tennisclub. Dabei möchte man doch eigentlich im Verein das gemeinsam tun, was Spaß macht: z. B. Tennis spielen.
Doch dieses Gemeinschaftsgefühl und die Freude am gemeinsamen Spiel hat ein Ende, wenn es um persönliche Befindlichkeiten und Überzeugungen geht. Mit dem Sport hat das nichts zu tun.
Auf der Bühne findet die Mitgliederversammlung eines Tennisclubs in einer Kleinstadt statt, hinter der Tür im Hintergrund gehen die Mitglieder hinaus ins Freie und in die Trainingshalle. Am Tisch sitzen beide Vorstände, Heribert und Matthias, die anderen drei, die einzige Frau (deren Name in keiner Beschreibung des Stücks zu finden ist), Erol und Thorsten bewegen sich im Raum. Das Publikum ist ebenso Teil des Tennisclubs und wird in alle Abstimmungen der Versammlung einbezogen.
Ein neuer Grill soll angeschafft werden. Der alte sei Schrott und man möchte doch auch in Zukunft so feiern, wie man es bisher getan hatte. Der zweite Vorsitzende Matthias hat dafür akribisch mit Diagrammen und Schaubildern, die er mit Laptop und Beamer dem Publikum präsentiert, den „Wurstbedarf“ ermittelt. Es ist wirklich zum Lachen, mit welcher Ernsthaftigkeit er diese Sache verfolgt. Ein einfaches Zitat aus der Gebrauchsanweisung wäre ausreichend gewesen – aber natürlich wesentlich weniger spaßig für ein Theaterstück.
Doch geht es wirklich darum, ob man Minderheiten eine Extrawurst einräumen soll, wie in der Ankündigung behauptet? Und um die Toleranz von Atheisten für gläubige Menschen? Nur vordergründig ist dem so. Ein Mitglied, Erol, der beste Tennisspieler des Vereins, ist muslimischen Glaubens. Jede Religion hat ihre Regeln und für Muslime darf auf dem Grill kein Schweinefleisch gebraten werden. Warum also nicht einfach zwei Vereinsgrills anschaffen? Oder eben keine Würste aus Schweinefleisch, sondern Rindfleisch essen? Aber nein, Grillen ist eine absolut deutsche Angelegenheit. Es darf nichts anders sein als vorher. Darauf besteht vor allem der zweite Vorsitzende Matthias. Er hat gar Angst, daß ihm und seiner deutschen (Leit-)kultur eine fremde Kultur aufgedrängt werden soll. Hm? Nur, weil er, weiß und biodeutsch (und angeblich mit einem Abitur-Notenschnitt von 1,7) ein Stück Toleranz für seinen Vereinskollegen zeigen soll? Was ist daran so schwer? Das ist deine Meinung, dein Problem, Matthias, das du selbst lösen musst. Denn du bist selbst für dich und deine Gefühle verantwortlich.
Erol ist außerdem der beste Tennisspieler des Clubs: zusammen mit der Ehefrau von Thorsten hat er die Kreismeisterschaften gewonnen. Und dennoch muss jemand wie er das Gefühl haben, nicht wirklich dazu zu gehören. „Du kannst Anwalt sein und bist doch immer noch der Türke!“ Eine Einschätzung, die sich anläßlich der Wahlen in der Türkei vergangenen Sonntag (14. Mai 2023) wieder bestätigt hat. Sehr traurig, wohnt doch schon die dritte Generation der, damals so genannten Gastarbeiter, hier in Deutschland.
Es ist beschämend und traurig, daß es solche Zeitgenossen und Zeitgenossinnen tatsächlich gibt. Nein, Muslime drängen hier niemanden ihre Religion auf. Das tun die Christen schon selbst (Zeugen Jehovas mit ihrer nervenden Werbung).
Und so wird die Diskussion auf der Bühne immer hitziger. Der Betroffene, Mitglied Erol, bleibt am längsten ruhig und besonnen, bis es ihm reicht. Doch geht es wirklich um die Frage, ob ein Grill oder zwei Geräte angeschafft werden sollen? Nein. Als Matthias das geplante Modell vorstellt, stellt sich heraus: Erol hat den größeren Grill zuhause. Schwanzvergleich. „Mein Grill ist größer als deiner!“ Im Stück „Extrawurst“ geht es vor allem um männliche Egos und deren Eitelkeiten. Das hat nichts mit der Herkunft der Vorfahren, dem Aussehen oder der Religion zu tun. Dieses wichtigtuerische Rumgehampel um Schwanzvergleiche nervt – und es ist dabei völlig gleichgültig, ob die Beteiligten Matthias oder Erol heißen.
Heribert, der Vorstandsvorsitzende bügelt jeden Widerspruch ab, lässt keine Abstimmung zu, selbst als sich Widerstand dagegen regt. Das Alphamännchen will die Macht eben allein für sich behalten, auch wenn Matthias, der zweite Vorsitzende, sie gerne hätte. Unfähig sind sie beide, denn das Streben nach Macht und ihre eigene Eitelkeit verhindern, als daß sie die Sitzung in geordnete Bahnen lenken könnten. Auch wenn er, wie Thorsten, manche Dinge besser durchblickt als andere, werden rassistische Untertöne hörbar, die nur, wenn überhaupt, vordergründig witzig sind („…werde das mit Erol bei einer gemeinsamen Wasserpfeife klären“). Bei allem Witz des Stücks ist die Figur Heribert am ekelhaftigsten: seine Machtposition wird noch durch eine zu Beginn angedeutete Sexszene verstärkt. Damit klar ist, wer hier das Sagen hat. Im Verein. Und auch gegenüber Frauen (zumindest einmal im Jahr, wie der zweite Vorsitzende betont). Alle Mitglieder sind vor allem für eines vorhanden: für den Erhalt seines Prestiges. Es ist sein Tennisclub. Der Kreismeisterschaften-Sieg von Erol und Thorstens Frau ist nur ein Mittel dafür.
Und da wäre noch der Super-Ober-Checker Thorsten, der über alles Bescheid weiß und Vorträge halten muss. Ein echter Dampfplauderer. Ist er denn wirklich so tolerant, wie er anfangs zu sein scheint? Oder doch eifersüchtig, weil seine Frau (die zwar am wenigsten redet, dafür aber den Sachverhalt durchschaut und sinnvolle Vorschläge macht) aus Freude über den Sieg der Kreismeisterschaften Erol angeblich vier Minuten lang umarmt hat? Je hitziger die Diskussion auf der Bühne wird, desto mehr bröckelt die Fassade eines jeden Vereinsmitglieds.
Gisela hat übrigens wieder das ganze Buffet gestaltet. Danke, Gisela, daß dank deiner unbezahlten Arbeit sich erneut andere den Bauch vollschlagen können und du nicht auf der Bühne sichtbar bist. Eine Tatsache, die Alltag für viele Frauen ist: sie versorgen andere, damit diese zur Arbeit, zum Kindergarten, zur Schule etc. kommen können und bleiben dabei Ungesehen und NICHT ENTLOHNT. Ganz gleichgültig, welche Hautfarbe, welche Herkunft sie oder ihre Vorfahren haben, diese Ungerechtigkeit betrifft alle Frauen. „Extrawurst“ zeigt bei allem Witz deshalb auch auf, daß Rassismus, Care-Gap, Egoismus, Sexismus und Arroganz in unserer Gesellschaft längst nicht überwunden sind. Deshalb lässt dieser Theaterabend die Besucher*innen nicht nur erheitert, sondern nachdenklich zurück.
