Keine Sonne mehr in Sunset Boulevard 10086

„…ich gab der Welt Träume aus Licht.“ (Norma Desmond)

Faszinierend muß es gewesen sein, damals, zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein „Lichtspielhaus“ zu besuchen. Das „Kino“ war noch jung, die Bilder noch wackelig und stumm, dazu hörte man immer Musik vom Klavier oder Salonorchester. Der Stummfilm verlangte nach expressiven Gesten und ausdrucksstarken Gesichtern. Sprache spielte keinerlei Rolle.

Das Licht: essenziell für das Kino, essenziell für das Leben. Hollywood als Ort, an dem die Sonne immer scheint, die Sterne immer glitzern. Aber Norma Desmond, der rund 50jährige Stummfilmstar hat den Anschluß an das neue Medium „Tonfilm“ verpaßt. Mit einem Gesichtsausdruck könne sie alles sagen! Sie sei immer noch groß, die Bilder seien es, die klein geworden seien! Aber niemand will sie mehr engagieren. Umgeben von Erinnerungen an ihre Erfolge lebt sie in ihrer Villa am Sunset Boulevard 10086. Das Licht ist trüb geworden, der Sonnenschein der Dämmerung gewichen.Und doch,  sie hofft, daß ihr Stern wieder aufgehen möge, daß sie wieder auftreten kann: im Film, für den sie lebt. Das Theater Dortmund bringt „Sunset Boulevard 10086“ mit Pia Douwes in der Hauptrolle auf die Bühne.

Es ist zu begrüßen, daß sich das Theater für die „symphonic version“, bei der die Keyboard-Samples ausnotiert sind, entschieden hat. Die Swing-Musik macht Spaß, fast möchte man aufstehen und mitanzen, wenn das gesamte Filmset „Movie´s a Circus“ singt. Schön wäre es gewesen, wenn die Sänger und Sängerinnen noch mehr getanzt hätten; die Musik verlangt sehr danach. Die Bühne ist schnell und unkompliziert von einem gedachten Swimmingpool auf Normas Anwesen zu einer Bar umzuwandeln.

Beim Silvester-Tango im Hause von Norma Desmond ist ein Akkordeon, eine Geige und eine Gitarre zu hören – die Zuschauerin sieht aber keine Gitarre, das wirkt verwirrend. Störend ist  die Stimmverstärkung: vor allem der Gesant von Norma Desmond kommt nur als laut und als gleichtönig rüber, Störgeräusche nicht ausgeschlossen. Schon bei „Next to Normal“ ist diese fehlerhafte Technik (weil die Musicaldarsteller mit Mikrophon singen) negativ aufgefallen ( https://fahrrad3gruen.wordpress.com/?s=next+to+normal ). Etwas weniger Vibrato hätte der Textverständlichkeit auch gedient, denn das alles vermindert den Musikgenuß. Schauspielerisch ist Pia Douwes jedoch sehr glaubwürdig; sie ist Norma Desmond, in all ihrer ehemaligen Größe, Enttäuschung, Verzweiflung und Einsamkeit.

Gesanglich überzeugt haben dagegen die Sänger-/innen der Nebenrollen: Hannes Brock als Butler und Ex-Mann Max, dessen wohlklingender Stimme man gern zuhört. Morgan Moody als Mr. Obercool hat mit der Rolle des Artie Green seine Paraderolle, es macht großen Spaß, ihm dabei zuzusehen. Den erfolglosen Schriftsteller Joe Gillis (Oliver Arno) versteht man meistens, leider wird im Chor mit Orchesterbegleitung auf Dauer ein immer unverständlicher lauter Klangteppich. Schade um die schöne Musik…  Wietske van Tongeren als Betty Schaefer ist witzig, nicht zu rührselig, obwohl sie in genau derselben schwierigen Situation wie viele andere in Hollywood ist. Herrlich, weil nicht rührselig ist das Liebesduett zwischen Betty und Joe. Da merkt man:  die beiden gehören zusammen! Jeder junge Mensch will dort sein Glück versuchen, reich und berühmt werden. Man  spricht immer wieder vor oder wird doch nicht zum Regisseur vorgelassen, das Drehbuch von vornherein abgelehnt. Es weht ein kalter Wind im sonnig warmen Hollywood am Sunset Boulevard.

Die Bühne wird nahtlos und fast ständig umgewandelt: mal als Villa von Norma Desmond, dann als Filmset, dann als Straße, auf der Joe seinen Gläubigern entkommen muß. Der Wandel erfolgt ohne daß die Zuschauerin irritiert sein müßte. Die Verfolgungsjagd, ein großer Spaß für die Zuschauerin, gerät leider wegen ein paar Schwächen aber zu einem unglaubwürdigen Ereignis: da muß Joe die Stoßstange halten, um im Auto zu sitzen, die Theater-Mitarbeiter, die den Rauch als stilisierte Autoabgase verbreiten, sind für die Zuschauerin sichtbar. Besser gelungen, wenn auch weniger rasant ist die Verfolgungsjagd in „Jonny spielt auf“ am Theater Hagen ( https://fahrrad3gruen.wordpress.com/2016/03/10/zum-bahnhof-zum-bahnhof/ ).

Paradox ist, wie alt der Regisseur Cecil B. DeMille ist. Weißhaarig und am Stock laufend kommt er ans Set, während junge Menschen um ihn herum wirbeln. Irgendein Historienschinken wird gedreht, Frauen in leichten goldenen Gewändern mit Sternenkranz am Kopf und Männer in pseudo-römischen Uniformen laufen herum. Bei aller Strenge Hollywoods wirkt die Traumfabrik mit diesen Figuren recht lächerlich.Aber solange der „Goldglanz im Altenheim“ (Zitat der SZ anläßlich einer Oscar-Verleihung) an der Macht ist, wird sich an dem Erfolgsdruck, der Arroganz von Produzenten, der Macht des Geldes und dem Egoismus einzelner nichts ändern.

Interessant ist die Personenkonstellation: Dieses Mal liebt eine alte Dackelin einen Jungspund. Großer Aufschrei. Eine Kombination, die gesellschaftlich nicht anerkannt ist. Dagegen soll es „normal“ sein, daß ein alter Mann (also 10 oder gar 20 Jahre älter als die Frau) eine viel jüngere Frau zur Partnerin hat. Es ist Zufall und auch Geldnot und Existenznot, die den erfolglosen Schriftsteller Joe Gillis in die Villa des ehemaligen Stummfilmstars treibt. Sie hat die Kohle, er lernt den Luxus kennen und genießen, auch wenn „die Alte“ natürlich nervt. Es wirkt lächerlich, wenn Joe in bester „Bodyguard“-Manier Norma die Treppe hinaufträgt. Diese Paarbindung kann nicht lang gut gehen… Dass das „Liebe“ zwischen Menschen sein soll, deren Altersunterschied so groß ist, ist sehr unwahrscheinlich wenn nicht sogar unmöglich. Eine(r) von beiden wird immer ausgenutzt, sei es emotional oder finanziell. Joe sagt am Ende einen wahren Satz: „Es ist keine Schande, 50 zu sein. Aber es ist bescheuert, dann auf 20 zu machen.“ Leider regiert aber der Jugendwahn, der aus Norma Desmond eine verzweifelte Frau macht, die nicht zu ihrem Alter stehen kann (und will), weil das, wofür sie gelebt hat, sie nicht mehr will: der Film in Hollywood.

Musical kann Spaß machen, erst recht, wenn die Musik Spaß macht. Swing und swingartige Musik macht großen Spaß, macht Laune, selbst zu tanzen. Die Standing Ovations am Ende des 1. Akts und zum Schluß sind jedoch aufgrund der technischen Schwächen und schlechten Textverständlichkeit nicht nachzuvollziehen. Schade eigentlich.

Sunset Boulevard, Musical von Andrew Lloyd Webber nach einem Film von Billy Wilder (1950) am Theater Dortmund.

 

Weitere Aufführungen:

https://www.theaterdo.de/detail/event/1238/?not=1&cHash=8f9b5dce97f0bdeab0629eb932843d6b&sword_list%5B%5D=Boulevard&no_cache=1

„Kiss me Kate“ , Musical von Cole Porter am Opernhaus Dortmund

Was tun gegen schlechte Laune, Unzufriedenheit und Einsamkeit? Man muß nicht gleich zur/zum Psychologen(in) gehen. Sondern ins Theater. Erst gestern hatte ich in der Redaktionskonferenz von terzwerk mitbekommen, dass manche Vorstellungen des Theaters Dortmund kostenfrei für Studis der TU sind. Ich staunte nicht schlecht. Musical ist an sich nicht so mein Fall; die ich bisher gesehen hatte („The last five years“ am Stadttheater Fürth langweilten mich. Keine Frage, dass die beiden Schauspieler, eine frau und ein Mann, dennoch was geleistet haben. Auch wenn ein Musical selten den inhaltlichen Tiefgang bietet den eine Oper hat ist es schon bewundernswert, wie jemand singen und tanzen kann, ohne dabei sich anmerken zu lassen, dass man außer Atem ist. Ablenkung vom Alltagsfrust hatte ich heute dringend gebraucht; und da kam mir Cole Porter mit „Kiss me Kate“ grade recht. So wie es zu Beginn heißt: „forget your present, forget your past.“ Genau das wollte ich heut abend tun. Und es wurde mir im Opernhaus Dortmund an diesem Abend nicht langweilig. Trotz der fehlenden inhaltlichen Tiefe.

Schon zu Beginn macht die Musik einfach Spaß. Ich möchte grad aufstehen und mittanzen, Hände und Füße wippen sowieso mit. Ein Orchester, das gut spielt und Spaß an der Musik hat und mit dem , was auf der Bühne geschieht, gut harmoniert. Das „Spiel im Spiel“ (im Musical „Kiss me Kate“ proben Schauspieler-/innen Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung) sorgt für zusätzliche Gags. Bill Calhoun (gespielt von Josef Hofmann) soll Baptista Minola, den Vater der beiden ledigen Töchter spielen. Der große Kragen und seine Kleidung verleihen dieser Figur immer etwas tollpatschiges. Erst recht, weil seine widerspenstige Tochter Katherina, wenn sie neben ihm steht, größer als er ist.

Spiel im Spiel: In Baltimore also finden die letzten Proben einer fahrenden Theatertruppe statt. Sie wollen „Der Widerspenstigen Zählmung“ von William Shakespeare aufführen. Regisseur, Hauptdarsteller und Ex-Mann Fred und seine Ex-Frau Lilli Vanessi streiten sich privat wie auf der Bühne; Lilli hat passenderweise auch noch die die Rolle der widerspenstigen, grantigen, immer wütenden Katherina in Shakespeares Stück inne. Ein an Lilli falsch zugestllter Liebesbrief von Fred  an seine neue Flamme Lois sorgt zusätzlich für Lillis Zorn. Die Fortsetzung der Vorstellung ist gefährdet… noch dazu tauchen zwei Gangster im Nadelstreif auf, um Spielschulden (angeblich von Fred) einzutreiben. Es ist herrlich witzig, wie die beiden in bester Wiener Schmäh, auf Österreichisch reden – fies, frech, boshaft und mit rauhem, fordernden Charme. Der Inspzizient Ralph kann einem fast leid tun bei dem chaotischen Chef, damit die Organisation dennoch noch glatt läuft…

Mit der Treue, da nimmt es in dieser Theatertruppe niemand so wirklich ernst. Dafür ist es ein Musial, das Theater, das Illusion bietet. Das, was im wahren Leben nicht ist und auch keinen (langen) Bestand hätte. Wie Nedime Ince als Lois Lane singt: „I love you in my own way.“ Wenn eine Affäre ums Eck kommt, die Diamant-Armbänder oder schöne neue Kleider verspricht – warum sollte Lois als  arme Theaterschauspielerin nein sagen? Sie ist kein Kind von Traurigkeit und will den Sex auch nicht nur wegen der versprochenen Geschenke haben. Über negative Folgen von Affären reden wir mal nicht… dafür ist es ein Musical. Die Tanzeinlagen und Gesang sind jedes Mal ein Genuß für die Zuschauer-/innen.

Allerdings fällt auf, dass nur die weiblichen Darsteller in Strapsen tanzen und im Rampenlicht stehen, nur am Rande sieht man manchmal einen nackten männlichen Oberkörper.

„Kiss me Kate“ – das ist nicht „nur“ guter Swing und das sind nicht nur tolle Tanzeinlagen, das ist auch das ewige Spiel zwischen den Geschlechtern, warum man sich nicht mehr versteht, warum Frau „plötzlich“ so kratzbürstig und boshaft ist. Gerade letzteres hat mir gut gefallen: Shakespeares Figur „Katherina“ , wie sie „I hate men“ mit einer Vehemenz singt und sogar dem Dirigenten den Stab aus der Hand reißt. Und sie fragt, wozu die Männer überhaupt da sind, denn sie würden doch nur Ärger in Form eines Kindes bringen, nur sie hätten Spaß beim Sex, bzw. geht es nur um sie, die Männer und ihre sexuelle Lust. Wie zeitlos und wahr das ist! Erst vor kurzem wurde wieder irgendein seltsames Medikament vorgestellt, dass lustlosen Frauen zu mehr Freude am Sex verhelfen soll. Sieht man sich die Sache genauer an, geht es gar nicht um die Lust der Frau sondern allein darum, möglichst immer dem Mann als Sexpartnerin zur Verfügung zu stehen. Pfui Deifl! Nein, nicht mit uns!

Hinter der Bosheit und Kratzbürstigkeit der Figur „Katherina“ in „Der Widerspenstigen Zähmung“ kann Enttäuschung über die Nicht-Anerkennung ihrer selbst stecken, auch fehlendes Geliebt-Sein (nicht im Sinne von Sex).

Die „Lösung“ , um Katherina klein zu kriegen und gefügig zu machen, sind für ihren Verehrer Petruchio (Figur Fred) Schlaf – und Nahrungsentzug. Nach heutigen Maßstäben wäre der Ehemann Petruchio nicht nur ein notgeiler Arsch und Schürzenjäger, sondern auch ein Folterer, ein Straftäter. Katarinas Bekenntnis dann, daß doch von Frauen nichts Böses kommen könne und Frauen nur zur Versorgung und Freude des Mannes da seien: hätte man die Theaterbesucher-/innen gefragt, hätten viele diesen Sexismus verneint. Auf der Musical-Bühne gibt es nur Illusion. Also Hirn ausschalten und nur genießen? Leider können wohl viele Rezipient_innen dennoch Dichtung und Realität nicht auseinanderhalten. Sieht man sich die Wirklichkeit an, existieren diese höchst fragwürdigen Zustände, werden gelebt und nicht hinterfragt. Es ist ein Skandal, dass bis heute im 21. Jahrhundert immer noch die meisten Frauen allein für Kinder und Haushalt da sind und höchstens Teilzeit oder in schlecht bezahlten Jobs arbeiten. Nicht anders funktioniert leider auch die Wirtschaft in Deutschland weil viele ARbeitgeber davon ausgehen, dass die Frau zuhause bleibt oder höchstens Teilzeit arbeitet. Nein danke, sage ich da nur.

Klar wäre es Quark, jetzt das Theater zu beschimpfen, sie würden ein frauenfeindliches Stück spielen. Theaterstücke sind immer ein Spiegel ihrer Zeit. Die Entstehungszeit von Cole Porters „Kiss me Kate“ war eine frauenfeindliche Zeit., die nur mit schönen Farben und Glanz von Konsumgütern übertüncht wurde. Jede Theaterbesucherin und jeder Theaterbesucher ist aufgefordert, bei allem Spaß an der Musik, dem Tanz und den bunten Kostümen die untertänigen Worte der Figur Katharina zu reflektieren, um im Leben, in der Realität Ungerechtigkeiten und sexistischen Vorurteilen (vor allem gegenüber Frauen) entgegenzuwirken oder gar nicht zuzulassen.

Kiss me, Kate , Musical von Cole Porter, Theater Dortmund. Weitere Vorstellungen: http://www.theaterdo.de/detail/event/16026/

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