Was man mit Aktenkoffern so alles machen kann!

Gerne hätte ich diese Oper für terzwerk, unserer Klassiksendung und Klassikmagazin auf der Welle von eldoradio begleitet, Künstler-/innen interviewt. Leider war genau am Wochenende der Premiere am 9. Januar 2016 was anderes, die Generalprobe für unser Konzert vom Unichor meine ich. Da wäre ich abends zu fertig gewesen, zuviel andere Musik schwirrte mir im Kopf herum, als um noch so aufmerksam im Theater sitzen zu können. Jetzt habe ich es endlich geschafft – und die positiven Kritiken in der Presse hatten Recht behalten.

RINALDO Dramma per musica von Georg Friedrich Händel

Libretto von Giacomo Rossi nach einem Szenario von Aaron Hill

Wow, was für eine Wucht! „Rinaldo“, das ist eine einzige Ansammlung von Händels Hits. Und obwohl es eine Eigenart dieser Musik ist, dass sich Phrasen wiederholen, wird es keine Minute in den 3 Stunden der gesamten Aufführungsdauer langweilig.

Rinaldo, das ist der Held der Geschichte, ein Ritter und Kreuzfahrer, der als Mitglied des christlichen Heers kurz vor Jerusalem steht. Zusammen mit Goffredo (Gottfried von Boullion) dem Heerführer wollen sie nach anderen erfolgreichen Feldzügen die Stadt Jerusalem erobern. Goffredo und der undurchsichtige Eustazio geben sich siegessicher, Rinaldo hat aber keine Lust mehr auf das Kämpfen; er will endlich Schluß machen damit und seine geliebte Almirena, die Tochter Goffredos, mit der er liiert ist, heiraten. Das können die beiden Heerführer so nicht hinnehmen: erst die Arbeit, dann das Vergnügen singt einer von beiden Rinaldo vor. Ohne Rinaldo können sie die Schlacht, die letzte Schlacht für den endgültigen Sieg nicht gewinnen. Pflichtbewußtsein für den Beruf versus Privatleben-Gestaltung… für was wird sich Rinaldo entscheiden (müssen)?

Eustazio muß noch mal klar machen, wer hier die bessere und SIEGREICHE Mannschaft ist. Warum allerdings bei seinem Prunk- und Angebergesang auf dem Beistelltisch eine Plüschkatze seziert werden muß, ist einfach nur unnötig und auch widerlich,auch wenn es nur ein Stofftier ist. Die Szene hat keinerlei Nutzen oder Bedeutung für die Handlung. Im Publikum war ein Raunen und leises Reden zu hören; die Szene sorgt wohl bei einigen Zuschauer-/innen für Unverständnis.

Nächste Szene auf der drehbaren Bühne. Die gesamte Oper spielt in einem Flughafen- oder Bahnhofsgebäude, ein „Nicht-Ort“, wie Regisseur Jens-Daniel Herzog bei der öffentlichen Probe sagte: an diesem Ort will und kann niemand bleiben, es ist immer nur ein Durchgangsort für eben Leute, die unterwegs sind. Die einzigen geschlossenen Räume sind langweilige holzvertäfelte Zimmer, in denen häßliche dunkelbraune Kunstledersofas stehen, dazu Kunstpflanzen und kleine Beistelltischchen. In solch einem Raum sieht man den Sarazenenführer Argante zuerst. Mit lauten Trompeten singt er seine Worte: er habe selbst die Wut von Schlangen in sich, da brauche er sich nicht vor anderen Tieren fürchten. Es steht nicht gut um seine Stadt, Jerusalem. Seine Mitarbeiter  pfeift er ordentlich zusammen, weil sie in ihren Unterlagen nichts neues vorzuweisen haben, womit er das Kriegsglück für sich entscheiden könnte. Schade, dass die drei Tänzer Sonnenbrillen tragen müssen; ohne diese hätten sie ihre Furcht vor ihrem ausrastenden Chef, der auch keinen Plan hat, noch deutlicher spielen können.

Was man alles so mit einem schöden langweiligen Aktenkoffer machen kann. Das Tanzensemble, das als Delegation vom christlichen Heer unter Goffredo unterwegs ist, trägt immer Aktenkoffer mit sich. Die werden in alle Richtungen geschwungen, zu Türmen aufgebaut, zu Wänden stilisiert, so dass es einmal aussieht, als stünde Rinaldo auf einer Burg… echt witzig! Und vielleicht eine satirische Anspielung auf das Gehampel bei tatsächlichen Friedensverhandlungen.

Und dann donnert es. Endlich kommt die, die Argante so heiß ersehnt hat: die Zauberin Armida. Sie soll herausgefunden haben, wie man das christliche Heer am besten schwächen kann… Eleonore Maguerre singt die Armida mit Verve, ausdrucksstark in Stimme und Gestus. Man meint wirklich, eine Zauberin, die allmächtig scheint, vor sich zu haben. Vom Balkon oben, auf dem man zuerst noch langweilige Anzugträger gesehen hat, taucht sie plötzlich auf, reißt sich den Anzug vom Leib und trägt ihr rotes, kurzes Kleid. Rot, das ist ihre Farbe und wird sie bleiben. (Die Schneider-/innen müssen da echt Geduld haben, weil sie die Knöpfe des aufgerissenen Hemdes nach jeder Vorstellung wieder und wieder annähen müssen 😉 Doch Argante ist nicht nur Kriegsherr, er ist auch lüstern, er will nicht nur die Kriegsstrategie von Armida wissen, er will die Frau haben. Mit großem Grinsen und Belustigung habe ich zugesehen, wie sie ihn zuerst anlockt und dann entweder mit dem Knie oder den Pumps von sich stößt, manchmal auch ganz fies in die weiche Mitte. Tja, eine Armida bekommt man nicht so leicht… die muß man sich verdienen! Frau kann auch wehrhaft sein!

Nun hat Argante erst mal von den hochnäsigen Christen (Goffredo zu Argante: „bedenke, wie großzügig ich bin“) einen Waffenstillstand abgerungen.

Rinaldo schafft es, seine geliebte Almirena doch noch kurz zu sehen, bevor er seine Pflicht als Ritter erfüllen muß. Eine freundliche Liebesszene auf einem der Kunstledersofas in der Wartehalle. Doch das Glück währt nur kurz: Donner und Blitz kommen auf, Rauch kommt aus der vermeintlichen Toilettentür: Armida entführt Almirena – so kann man das christliche Heer schwächen! Rinaldo ist entsetzt und bleibt am Boden zerstört zurück; ja er liegt wirklcih auf dem Boden, schwach und kraftlos. Das können Goffredo und Eustazio, die mit Melonenhüten wie Dedektive aus einem englischen Krimi der 1960er Jahre daherkommen, so nicht dulden. Wieder werden in aufwendiger Zeremonie die klinisch reinen blauen Handschuhe angezogen, die Tänzer bilden eine Art Sitz, auf den der erschlaffte Körper des Rinaldo gesetzt wird. Eustazio drückt einer Schlange Gift aus dem Maul, um es Rinaldo als Stärkung in den Mund zu geben. Im Gegensatz zur Sezierungs-Szene der Plüschkatze nicht ganz so grausam, aber immer noch unheimlich, was dieser Eustazio da macht…

Schlangengift als Muntermacher? Eher denkt man, es würde einen töten.

Nicht so bei Rinaldo. Langsam wird er wieder munter. Während die Winde wehen, alle anderen sich an den Sitzmöbeln oder an Löchern in der Wand festhalten müssen, um nicht davongetrieben zu werden, steht er aufrecht da, unbehelligt von allem Windbrausen und singt davon, dass ihm die Winde Kraft geben mögen. Das Spiel aller Beteiligten ist so authentisch, als ob wirklcih ein heftiger Sturm durch´s Theater blasen würde… Mit Rinaldos erhobener linker Faust endet der 1. Akt.

Ob eine Oper gut oder schlecht ist merke ich auch daran, ob und wie oft ich auf die Uhr schaue. Trotz Smartphone, auch einer Art moderner „Taschenuhr“, trage ich gern Armbanduhren. Heute sah ich nie auf die Uhr – und hatte kein Bedürfnis danach.

Das christliche Heer braucht aber nun einen magischen Rat, denn es hat seinen wichtigsten Kämpfer verloren. In Wanderschuhen und „outdoor-„Jacken sieht man im 2. Akt Eustazio, Goffredo und Rinaldo durch die Wartehalle laufen. Einer hält die Karte falsch herum, Rinaldo hat es satt, noch länger nach dem christlichen Magier zu suchen. Mensch Jungs, nicht mal die Karte könnt ihr richtig lesen! Magische Wesen tauchen auch auf: es sind allerdings 3 Sirenen in quietschrosa Kleidern in einer Art orientalischem Stil… Wie angenehm, dass es nicht drei blonde dünne Frauen sein müssen. doch es sind Zauberwesen, geschickt von Armida, die ihm versprechen, er würde seine Almirena wieder sehen, würde er mit ihnen gehen… wie von Zauberhand wird er in die rauchige Toilettentür hineingezogen. Seine Kumpels können ihm nicht helfen, so stark ist die Zaubermacht. Verzweifelt stolpern Eustazio und Goffredo durch das Flughafengebäude, stoßen mit anderen Passagieren zusammen, streiten mit ihnen. Witziger Einfall, dass genau der unscheinbare Putzmann im Durchgang des Wartesaals genau dieser christliche Zauberer ist. Das große Wechselbild über dem Kunstledersofa stellt nun eine riesige Satellitenschüssel in einer Mittelmeerlandschaft dar. (Wer späht wen aus?) Der Putzeimer auf dem Wagen mit den Putzutensilien wird zum Kessel für den Zaubertrank, aus dem Goffredo und Eustazio trinken. Doch bevor sie die großen aufrechten Krieger sein können, torkeln sie erst mal herum; war wohl doch etwas stark der Trank für einen sterblichen Menschen, was? 😉

Almirena beschimpft in ihrer Gefangenschaft – einem kahlen, leergeräumten Konferenzraum – ihre Peinigerin , die Zauberin Amira. doch die lacht sie nur dreckig aus,  vom Balkon runter. Schlingpflanzen bedecken das Balkongeländer, ein passendes Metapher für die Macht der Zauberin. In Hand und Fußschellen liegt Almirena auf dem Boden und beklagt in „Lascia chi´o pianga“ ihr Leid. Wie bei manchen anderen Arien gibt es danach spontan Applaus. Interessanterweise verärgert mich das dieses Mal nicht; es liegt wohl daran, dass fast jede Arie ein echter Händel-Hit ist und man deshalb versucht ist, seine Begeisterung schon während der Oper kund zu tun.

Dennoch, so leid wie sie einem tun kann, die Almirena in ihrem weißen Kleid, die unschuldige: die coole Sau ist ganz klar die Zauberin Armida. Sie ist die starke, selbständige Frau, die sich auch ohne Rücksicht das holt, was sie will. Schlau und auch hinterfotzig ist sie. Verlieren, das gibt es für sie nicht. Furien und Sirenen, auch die Elemente wie der Donner gehorchen ihr. Sie hat es geschafft, die wichtigste Person des christlichen Heeres zu entführen, noch dazu dessen Geliebte…. Großer Beruflicher Erfolg im Dienste des sarazenischen Heeres.

Hm, doof nur, dass Argante wieder nur an was anderes als die Kriegsstrategie denkt. Nix da mit stringent den neuen Plan seiner Beraterin Armida durchziehen. Da wird Almirena angeschmachtet und begehrt; sie schafft es, dass er ihr die Hand- und Fußschellen löst. Seine Umarmung und seinen Kuß erwidert sie nicht. Weit kommt Almirena – jetzt von Fesseln befreit –  nicht, die Sicherheitsleute nehmen sie gleich im Aufzug mit, Argante hat nichts von ihr. Als seine Geliebte Armida von seinen Gelüsten erfährt, wird sie stinksauer. Furien umkreisen ihn, sein „Schwert“, ein aufgeklapptes Taschenmesser, ist wirkungslos, seine Hand gehorcht ihm nicht mehr. Die Tänzerinnen, ebenfalls in roten Kleidchen, machen das mit einem Schwung, dass man denken könnte, es geht wirklcih ein kräftiger, schwungvoller Wind über die Bühne. Eine Wonne für Augen und Ohren, das zu erleben!

… oder gibt es doch etwas, das Armida besiegen könnte?

Jetzt ist der Sieg für die Sarazenen doch eigentlich sicher…. Als sie noch singt, dass sie mit den Furien Rinaldo foltern wolle und ihm mit Knien und Händen ein paar Schläge verpaßt, muß Armida plötzlich inne halten: wow ist der Kerl schön… den kann ich gar nicht töten… huch, ich werde doch nicht verliebt sein? Rinaldo ist empört, beleidigt sie und weist sie ab. Doch Verlieren, nein, das gibt es für eine Armida nicht! Wen sie liebt, der hat auch sie zu lieben! Also wird sie Almirena umbringen, diese Puppe, dieses dumme Mädchen, die ihr im Weg steht. Rinaldo kann den Mord an Almirena noch verhindern, die herannahenden christlichen Krieger vertreiben Armida… da nützt auch ihre Nebelmaschine nichts mehr. Warum allerdings zu den beiden Pistolen von Goffredo und Eustazio Geräusche von Maschinengewehren sein mußten…. das wirkte seltsam.

In der letzten Szene, da ist Rinaldo wieder ganz Staatsmann. Im Anzug mit Krawatte stolziert er zuerst auf und neben den Tischen, auf denen der Friedensvertrag unterzeichnet werden soll – und dann auch wird. Als die Sarazenen kommen, gibt es eine Rauferei in Zeitlupe, denn Argante kann nicht glauben, was er da im Vertrag liest. Ein letztes Mal versucht Armida, verkleidet als Diplomatin im Anzug, Rinaldo anzumachen. Sie wird aber erkannt und ihr die Kleider vom Leib gerissen (auch rote Spitzenunterwäsche fliegt durch den Raum). Die Christen zielen mit Pistolen auf ihre Gegner. Armida singt, sie wolle konvertieren und vielleicht der Zauberei abschwören – aber das klingt belustigend, statt ernst. Ist auch völlig egal: Hauptsache die Liebe hat gesiegt und nicht der Krieg, nicht das Militär. Doch auch im weißen Kleidchen will Armida den schönen Rinaldo, der nun neben seiner Geliebten Almirena steht und davon singt, jetzt werde geheiratet, nicht aufgeben. Sie macht sich an ihn ran, Argante meint, Almirena wieder angrabschen zu müssen… so gibt es beim versöhnlich klingenden Schlußchoral noch mal eine kleine, lustige Rauferei statt braves Nebeneinander-Stehen. Ich habe herrlich gelacht.

Besonders beeindruckt hat mich Ileana Mateescu, die den Rinaldo singt und spielt. Wie es wohl ist, einen Mann zu spielen? Ich kannte sie schon von ihrer Rolle als Hänsel in Engelbert Humperndincks „Hänsel und Gretel.“ Was für ein schöner Mann, der Rinaldo. Auch ein Draufgänger, klar, das sind sie alle, die Ritter und Kämpfer. Aber nicht zuviel. Er hat auch eine weichere Seite, eine liebevolle. Ein Mann, mit dem man nicht unbedingt ein ganzes Leben verbringen möchte; aber treffen möchte man ihn schon und eine Zeitlang mit ihm zusammen sein. Schmacht. 🙂 Seufz….

RINALDO Dramma per musica von Georg Friedrich Händel

an der Oper Dortmund.

http://www.theaterdo.de/detail/event/16155/#prettyPhoto

Nächste Vorstellungen:

Sonntag 14. Februar 2016 , 18 Uhr (vielleicht mal was anderes zum Valentinstag außer Blumen oder Pralinen?) ,

18./28. Februar 2016 zum letzten Mal. – ALSO LOS!

 

Hintergrundinfos: http://www.opernhausblog.de/2015/12/10-dinge-die-sie-ueber-rinaldo-wissen-muessen/

 

 

 

Mal kein Walzergeduldel: Das Neujahrskonzert der Dortmunder Philharmoniker

Von New York bis Puerto Rico: das Neujahrskonzert der Dortmunder Philharmoniker

Am Neujahrstag 2016 gibt das Orchester der Dortmunder Philharmoniker ein Konzert zum besten, das man an einem 1. Januar so nciht erwartet hat. Anfangs war ich verwirrt, was da mit Dissonanzen und lauten Bläsern startete: „Cuban Overture“ von George Gershwin ist da zu lesen. Gershwin, ja das war der mit „Porgy and Bess“ und „I got rhythm.“ Statt Walzerseeligkeit und ewiges „Sich-Im-Kreis-Drehen“ fühlt man sich als Konzertbesucherin plötzlich in den Sommer versetzt, spätestens, wenn der mindestens 6 Menschen starke Percussionsapparat mit Bongos, Kugeln, die raschelnde Geräusche erzeugen und Klanghölzern loslegt. Das ganze findet im Opernhaus statt – und zwar mit dem Orchester AUF statt wie bei der Oper unterhalb der Bühne –  und das bedeutet: das Theater fährt seine Bühnentricks auf, die es bieten kann. Das Sommergefühl macht ein riesiges Hintergrundbild eines Sandstrandes komplett. Einfach unbeschwert am Strand sitzen und auf das Meer hinausschauen, die Wellen beobachten, wie sie im Sand auslaufen…

Doch bald holen die Konzertbesucherin die langsameren, dissonanten Klänge in den Geigen und die Bläser, die einen Einwand zu haben scheinen gegen diese Idylle, einen aus der Träumerei. Gershwin ist eben kein easy listening. Dass ungeduldigere Konzerbesucher-/innen deshalb nicht gleich das Weite suchen, liegt an dem erneuten Einsetzen der Rhythmusfreunde und weniger Dissonanzen mit beständigen Melodien. Man kann sich vorstellen, wie Menschen zu dieser Musik durch die Straßen einer Stadt in Kuba tanzen, am Straßenrand stehen die Musiker. Auf einem Foto, das im Hintergrund gezeigt wird, ist einmal ein Trommler im Großformat , im HIntergrund eine Straße zu sehen.

Nach de fulminanten Ende der „Cuban Overture finden ein paar kleine Umbauten statt, der Mitarbeiter, der reinkommt und nur die Aufgabe hat, den Flügel aufzuklappen, bekommt vom Publikum Applaus, als ob er Solist wäre – schon witzig. Dann kommt die Solistin, Tatiana Prushinskaya im roten, glänzenden, glitzernden Kleid (warum gibt es sowas nicht auch für Frauen mit Konfektionsgröße 42 aufwärts, verdammt noch mal???) . Sie sieht nicht nur schön aus, sie spielt auch gut: die sinfonischen Variationen für Klavier und Orchester „I got rhythm“ von George Gershwin. Die Melodie dazu kennt jeder, die Variationen dazu icht unbedingt. Als Akkordeonspielerin habe ich Variationen immer gehaßt, es war für mich immer das selbe, immer genauso langweilig. Doch mit „I got rhythm“ wird es nicht langweilig. Bemerkenswert, was Gershwin aus dieser einfachen Melodie alles rausholt. Auf der Bühne ist einiges los: es gibt zwar weniger Schlagwerk, dafür sieht man hin und wieder die Bläser-/innen ihre Dämpfer, die wie große Pommestüten aussehen, rein- oder rausholen aus dem Trichter. Plötzlich ist ein Oboensolo zu hören, mit dem man bei den sonst dominierenden Trompeten oder Saxophonen (jaaa, diese wunderschöne Instrument darf endlich mal im Orchester mit dabei sein!) nicht gerechnet hätte.

Nach den sinfonischen Variationen von „I got rhythm“ wird der Flügel eingeklappt und hinausgeschoben – ohne Applaus für die Bühnenarbeiter 😉

Was folgt ist, wenn man so will, ein Schnelldurchlauf durch Leonard Bernsteins Musical „West Side Story.“ IM Programm sind die „sinfonischen Tänze aus „West Side Story“ angekündigt. Bei dieser Fülle von Rhythmen und Melodien wird der Zuhöreri nie langweilig. Dissonante Klänge, Staccato bei den hohen Blästern, da kann man sich gut Verfolgungsjagden der beiden verfeindeten Banden vorstellen. Autohupen, LKW-Hupen oder Hupgeräusche von U-Bahnen und Straßenbahnen meint man zu hören, wenn ein Gong regelmäßig erklingt. Beim Xylophon denkt man zwangsläufig an Treppen, die hinauf- und hinuntergelaufen werden, immer schnell laufen, immer auf dem Sprung sein, um dem Gegner nicht in die Hände zu fallen. Sogar eine Polizistenpfeife ist mal zu hören. Im Hintergrund sind Bilder von der Stadt New York zu sehen, das Empire State Building und die gesamte Betonwüste, die dennoch zu einem Sinnbild für Kultur geworden ist…. Manchmal wären allerdings Bilder von Straßenzügen noch passender für die „sinfonischen Tänze aus „West Side Story“ gewesen. Bei manchen Bläser – und Streicherklängen hat man das Gefühl, mit dem Auto durch New Yorks Straßen zu fahren, wenn nicht zu rasen – Bandenkrieg eben.

Natürlich darf, wenn es um das Musical „West Side Story“ geht, das Lied „somewhere“ nicht fehlen. Das Duett mit Geige und Bratsche ist so wunderschön, aber nicht kitschig oder beliebig. Die Dortmunder Philharmoniker schaffen es, diesen schmalen Grat einzuhalten: nicht langweilig nüchtern, aber auch nicht triefend vor Schmalz lassen sie „somewhere“ erklingen. Allerdings wäre ein Sternenhimmel über der Skyline von New York dazu passender gewesen als nur ein schwarz-weiß-Bild mit der Skyline. Einen Platz für die Liebe zweier Menschen, an dem die Liebe leben kann, ohne Angst und nicht bedroht wird… das wünscht man sich…. mit einem Seufzer beenden Flöten und die Streicher diesen sehnsuchtsvollen Traum, der oft genug auch in der Realität nicht gelebt werden kann. Es nervt, dass das Publikum diese schöne Stimmung nicht auskosten kann, für ein paar Sekunden und gleich applaudieren muß.

Das letzte Stück des Abends „Estanica“ von Alberto Gianstera zerstört leider all diese Idylle. Wild und laut geht es los, im Hintergrund ist Mexico Stadt mit der Jesus-Statue aus der Vogelperspektive zu sehen. Uuuaaah, was kommt denn jetzt?? Das Gepolter von „Estanica“ macht die schöne Atmosphäre von Bernsteins symphonischen Tänzen zunichte. Weglaufen geht nciht, wenn man fast mittig in der Reihe sitzt… bald wird klar: hier werden Sambarhythmen herausgeschleudert. Als Hintergrundbild muß eine Sambatänzerin dienen, übergroß und in Vorderansicht, wie sie ihre Beine dem Zuschauer entgegenschleudert. Die Haut glänzt künstlich. Absolut doofes Bild mit plumpen, billigen Effekten. Warum nicht einfach ei Foto einer ganzen Sambagruppe auf der Straße? Mich stört nicht die knappe Bekleidung, das ist eben so, mich stört die Betonung einzelner Körperteile.

Nach der Darbietung dieser Tanzmusik applaudiert das Publikum zu recht begeistert, manche rufen sogar „Bravo.“ Der Intendant, der Ballettchef und der Dirigent halten eine kurze Ansprache, verweisen auf das 50jährige Theaterjubiläum im März, vom Bühnenhimmel kommt ein rotes „Prosit Neujahr 2016“ geschwebt. Der gesprochene Neujahrsgruß der Orchestermitglieder kommt jedoch nicht so sauber und einheitlich rüber wie der  Klang, den sie heute abgeliefert haben. Naja… wenn man es wie der Wiener Mannsbilderverein jedes Jahr macht, hat man im gemeinsamen Aufsagen eben mehr Übung. Ist auch nicht so wichtig.

Bei der Zugabe ist dem Dirigenten Gabriel Feltz wohl wieder die Kinoleidenschaft durchgegangen. Schon zum 2. Mal nach dem Philharmonischen Konzert „love, space ,hell“ gab es den Tango aus dem Film „Der Duft der Frauen.“ Die 1. Konzertmeisterin spielte das Solo, dazu sieht man als Hintergrundbild ein Tango tanzendes Paar. Voll in Ordnung. Aber warum auch hier wieder auf billige Effekte gesetzt werden muß, kann nur Dummheit der Grund sein. Warum mußte das Foto genau in dem Augenblick aufgenommen werden, als die Tänzerin einen großen Schritt macht und es aussieht, als ob sie in die Hosen gemacht hätte? Und wen interessiert tatsächlich der durch den hohen Schlitz im Kleid sichtbaren Oberschenkel? Also nein Leute, was für ein Bildermüll! Geht woanders hin , wenn ihr solchen billigen Schrott sehen wollt. Aber nicht hier im Opernhaus. Hier geht´s auch um Musik und nicht um eine Operninszenierung, in der eine Prostituierte eine Rolle spielt. Sondern um gleichberechtigte Tanzpartner_innen.

Nach dem Neujahrskonzert spendierte das Orchester Sekt an die Besucher-/innen. Schön war´s … schade nur, dass gar so wenige junge Menschen mit dabei waren. Und ich hätte gern mit den Schlagwerkern geredet, was die da alles geklopft, geschlagen und gepfiffen haben 😉 immer konnte man das nämlich nicht sehen.

 

 

 

 

http://www.theaterdo.de/detail/event/16289/

La Traviata, Oper von Giuseppe Verdi am Opernhaus Dortmund

Wilde Swinger-Party vor kahler Kulisse oder: Rauschende Feste in schlüpfrigen Kleidern vor kahlen Zimmerwänden: das Leben als einzige Party

Nüchtern betrachtet geht es in „La Traviata“ nur um die Interessen der Männer. Frauen sind nur schmückendes Beiwerk und Opfer der gesel-lschaftlichen Konventionen. Die Zeit, in der die Geschichte spielt, ist eben die Mitte des 19. Jahrhunderts. Es gibt die Ansicht, dass Verdis „La Traviata“ schon sehr „abgenudelt“ sei, weil sie so gut wie auf jedem Spielplan eines Opernhauses zu finden ist. Dennoch ist und bleibt sie sehenswert – erst recht in Dortmund.

Zu Beginn ist der Bühnenvorhang schon geöffnet, was ungewöhnlich ist. Man sieht einen schmucklosen Raum, im Hintergrund sind große Fenster angedeutet, einige Sektflaschen und Gläser stehen am Boden herum – hier wurde wohl ordentlich gefeiert … Mehrere graue Sofas stehen vor den hell-graugrün/hellgelbgrünen Wänden: Violetta Valérys Salon. Ein nackter Mann erhebt sich von einem Sofa, kleidet sich an und geht zur Tür hinaus. Dann beginnt die Ouvertüre. Wenig später steht auch die Titelfigur, Violetta Valéry, auf. Man sieht sie also bei ihrer Arbeit als Prostituierte, als Kurtisane. Ein paar Augenblicke des Nachdenkens, dann ein kurzer Anfall wegen TBC, Violetta sucht schnell nach den Tabletten, die sie mit einem Schluck aus einem Sektglas hinunterspült. Ob es Sekt oder Wasser ist, was im Glas war?

Doch das Leben ist eine einzige Party und die geht fast nahtlos weiter. Plötzlich stürmen die Gäste Violettas Salon und alle Schwäche ist vergessen. Sofort ist Violetta auf den Beinen, trägt ihr Kleid, ist Mittelpunkt der Gesellschaft. Bezeichnend ist, dass alle Gäste, also der Chor, immer schlüpfrige Kleider tragen: Strapse und nur ein Netzkleid oder ein Netzhemd darüber. Ein schwules Paar darf sich sogar mal küssen, während eine Party sich an die nächste reiht, wird das Treiben immer schriller: Männer in Frauenkleidern treten auf. Hauptsache Vergnügen, das heißt: Trinken, Essen und Sex haben. Dagegen wirkt Alfredo, der ebenfalls zur 1. Party in Violettas Salon stößt, in seinem graublauen Anzug richtig bieder und langweilig. Gerade der soll es sein, der die Gastgeberin Violetta wirklich liebt? Als Prostituierte kann man über derartige Bekenntnisse nur lachen. „Liebe“, die ist flüchtig, der Sex ein Geschäft. Was soll man auch tun als Frau, wenn man nicht heiraten will, oder kann und Geld für seinen Lebensunterhalt verdienen will, da man doch auch keinen Beruf ausüben darf – richtig: Prostitution. Und zwar in der feinen Pariser Gesellschaft, um von und mit ihr leben zu können – in vollen Zügen. Wäre da nur nicht diese im 19. Jahrhundert unheilbare Krankheit…

Violetta schenkt Alfredo eine rote Blume, die er ihr zurückbringen soll, wenn er sie liebt. Im Laufe der Handlung taucht diese Blume immer wieder auf und steht in der Vase, meist links im Bühnenbild. Zuerst lacht sie ihn aus, ihr schriller Gesang übertönt seine Liebesschwüre, die auch nach der Party zu ihr ans Fenster hinauf dringen. Man hört eine Gitarre und denkt sofort an eine italienische Stadt und einen Sänger auf der Straße, der sehnsüchtig zu einem Fenster hinaufschaut: kitschig, aber eben so schön…. Doch dann muss sich Violetta eingestehen, dass sie doch etwas für diesen Fremden Alfredo empfindet…

Wie in anderen Geschichten wie „Aschenputtel“ oder „Pretty Woman“ auch versucht die Hauptfigur, ihrer Vergangenheit zu entfliehen und ein neues Leben, ein geordnetes Leben zu beginnen: zusammen mit Alfredo zieht sie aufs Land. Jetzt trägt Violetta kein dünnes Spitzenkleid mehr, sondern einen roten Hosenanzug mit Hochsteckfrisur: wie eine moderne Geschäftsfrau. Lustiger Einfall: Alfredo leger in Hemd und Unterhose, wie er Fußball im Zimmer spielt – wohl auch als fußballfreundliche Geste an Dortmund gedacht. Alles scheint gut zu werden.

Auch weiter entfernt von der Stadt gelten jedoch die selben gesellschaftlichen Regeln. Eine ehemalige Prostituierte als Schwiegertochter – das darf nicht sein. Germont, Alfredos Vater kommt auf den Landsitz und versucht durch Schmeicheleien und scheinbar gute Ratschläge Violetta dazu zu bringen, dass sie sich von Alfredo trennt. Klar geht es Germont nur um die Familienehre, was aus Violetta wird, ist ihm völlig egal. Resigniert erkennt diese: „Gott vergibt, aber die Menschen nicht.“ Der Gipfel des Hohns und der Selbstverliebtheit ist dann, wenn Germont gar behauptet, Gott selbst hätte ihn geschickt und Violetta solle ein Engel für seine Familie sein. „Engel“ wohl deshalb, weil sie wegen der Tuberkulose sowieso bald sterben wird? Nein, Germont geht es nur um seinen Sohn Alfredo aus gutem Hause. Dadurch, dass er Violetta die Ohrringe abnimmt und auf den Boden wirft und die Haarnadel von ihrem Kopf rauszieht, demontiert er die Person Violetta innerlich und äußerlich. Durch die Rückgabe der roten Blume an Violetta besiegelt Germont symbolisch im Voraus das Ende der Liebe zwischen ihr und seinem Sohn. Grausam, wenn Eltern und die Gesellschaft über die Gültigkeit und den Fortbestand einer Liebesbeziehung zu bestimmen haben. Die Spitze seiner Verachtung ist dann seine körperliche Annäherung, als Germont Violetta am Busen anfasst: Schließlich ist sie nur eine Prostituierte, da kann man das ruhig machen; keine Frau, die man wirklich ernst nehmen oder gar achten muss. In dieser Geste wird auch die Doppelmoral und Verlogenheit einer Gesellschaft deutlich: Einerseits verachtet man Prostituierte und will sie nicht als Schwiegertochter oder Freundin haben – gleichzeitig ist es genau die Gesellschaft, die auf das Vergnügen und die erotischen Abenteuer, die die Dienstleistungen einer Prostituierten versprechen, nicht verzichten will.

Doch selbst der geliebte Alfredo ist nicht ganz so rein in seinem Verhalten, wie er es selbst sein möchte: Die Tatsache, dass er vom Landsitz aus nach Paris fährt, um Geld zu beschaffen, weil Violetta all ihren Besitz zur Finanzierung des Landlebens verkauft hat, zeugt von dem Zwang, die eigene Ehre zu erhalten, anstatt sich dazu „herabzulassen“, eine Gabe anzunehmen. Heute wäre es üblich, bzw. würde man es erwarten, dass beide Partner etwas zum gemeinsamen Leben beitragen.

Germont erreicht das, was er haben will: Violetta schreibt Alfredo einen Brief, dass sie ihn nicht mehr liebe und bricht sofort nach Paris auf, um nun doch die Einladung der „Freundin“ Flora anzunehmen. Man leidet als Opernbesucher-/in fast mit, wenn Violetta diesen Brief schreiben muss.

Auf der Party von Flora hat Alfredo Glück im Spiel und gewinnt eine Runde nach der anderen – was dem scheinbar neuen Lover von Violetta, den Grafen Duphol, der gerade mit Violetta am Arm in den Salon kommt, vor Eifersucht noch verärgerter macht: Alfredo soll gegen ihn, Duphol spielen. Und Alfredo gewinnt wieder. Aus Wut wirft er das gewonnene Geld Violetta vor die Füße: Die Partygäste sind geschockt. Obwohl jeder die Prostitution in Anspruch nimmt, gilt es als absolutes No-Go, eine Prostituierte öffentlich zu bezahlen. Wieder ein Zeichen der Doppelmoral einer Gesellschaft.

So sehr wie Violetta das Kurtisanen Leben mit seiner Freiheit genießt (Arie, bei der sie ihre einzelnen Kleider vom Bügel nimmt und einen großen Reifrock schließlich anzieht), so sehr merkt man, dass sie zwar bekannt und gefragt, aber nicht geliebt ist: bei jeder Party in der Mitte der Feiernden, aber auch hin- und hergeworfen von den Gästen. Wenn sie ihre TBC-Anfälle hat, ist meist niemand bei ihr außer ihrer Dienerin Annina. In der Sterbeszene ist niemand der sogenannten Freunde bei ihr, die sonst mit ihr gefeiert haben. Die Festgesänge vom Karneval, die in ihr Krankenzimmer dringen, mag sie gar nicht mehr hören, sie hält sich die Ohren zu. Das Kleid, das sie wieder anzieht, wirkt wie ein Totengewand. Wohl um noch ihren Frieden mit der Welt zu machen, vergibt sie den noch auftauchenden Germont, auch Alfredo kann sie noch ade sagen, bevor sie sterben muss – ohne Rührseligkeit ist diese Sterbeszene so schön gespielt und gesungen, dass man als Opernbesucher-/in einfach mitgenommen sein muss. So schön sterben… und auch noch dazu singen… bemerkenswert ist, dass Violettas letzte Worte nicht „ich liebe dich oder Ähnliches lauten, sondern „ich fühle neues Leben…“ – ein Zeichen, dass sie nun bereit ist, in die ‚andere Welt‘, das Totenreich, hinüberzugehen.

In der Inszenierung am Opernhaus Dortmund wirkt nie etwas zu überladen, weil die Wände so schmucklos sind; dies stört jedoch in keinster Weise, im Gegenteil: Die Sänger und Sängerinnen sind so gut in Form, dass jeder Ton sitzt. Die Musik füllt das aus, was an den Wänden sonst Bilder und Schmuck wären. Es macht Freude, allen Beteiligten zuzusehen und zuzuhören. Allerdings hätten die Partygäste nicht unbedingt alle Strapse und Netzkleider tragen müssen – das war schon etwas zu viel, um ein vergnügungssüchtiges Publikum darstellen zu wollen. Die Prostituierte selbst, Violetta Valéry hingehen trägt nie Strapse und Netzkleider – was ihre Rolle als die „Gefallene“ (Prostituierte) und gleichzeitig als Frau, die so gerne zur Gesellschaft gehören möchte, genau diese Ambivalenz, aufzeigt. Es nützt eben nichts, wenn man nur beliebt ist – man muß auch geliebt werden.

La Traviata, Oper von Giuseppe Verdi am Opernhaus Dortmund, Musikalische Leitung: Philipp Armbruster.

Termine: http://www.theaterdo.de/detail/event/16133/