Der „Rosenkavalier“ am Opernhaus Dortmund

Ich habe lange überlegt, ob ich mir das antun soll: 4 Stunden Musik von Richard Strauß. Auf 3sat hatte ich schon einmal die halbe Oper „Der Rosenkavalier“ gesehen, in der Pause abgeschalten, weil ich die Musik nicht mehr ausgehalten habe.

Jetzt nach einigen Jahren höre ich Musik anders. Und nehme auch den Inhalt anders wahr.

Wohl hatten viele keine Lust, sich aus dem schönen Sonnenschein hinein ins dunkle, im Foyer mit künstlichem Licht beleuchtete Opernhaus zu begeben. Das Parkett war halbleer, auf den Logen und auf der Empore waren auch kaum Zuschauer-/innen. 18 Uhr Freitag ist wohl für einige eine ungünstige Zeit. Und ja, 19.30 Uhr ist eher die passende Zeit für den Beginn einer Oper. Doch Richard Strauß hat für den „Rosenkavalier“ 4 Stunden Musik komponiert, daher mußte die Vorstellung schon um 18 Uhr anfangen.

Zum Inhalt: Die Feldmarschallin, Therese von irgendwas (phantasisch: Emily Newton)  (natürlich ist man vom Hochadel) ist unglücklich verheiratet wie soviele Frauen im 18. Jahrhundert. „Der Rosenkavalier“ wurde 1908/09 geschrieben, spielt aber in der Zeit der österreichischen Kaiserin Maria Theresia. Als Adlige hat sie aber die Möglichkeit, ungestraft sich einen Liebhaber zu nehmen: den jungen Grafen Octavian (frech und einfallsreich gegen den brutalen Verwandten von Ochs: Ileana Mateescu). Gleich zu Beginn sieht man die beiden sich im Bett vergnügen, leider ist die Frau beim Sex wieder unten, bevor sie ihm, die wesentlich ältere Frau, die Richtung weist. Die Geschlechterrollen sind im 18. Jahrhundert noch ganz klar verteilt. Eine Frau hat sich immer unterzuordnen. Wobei man es als adlige Frau noch ein großes Stück leichter hat. Selbst wenn man beim Sex mit dem Liebhaber ungewollt ein Kind gezeugt hat, muß das nicht zum Skandal werden – das Kind wird eben ins Kloster gesteckt. Die Feldmarschallin wird aber so um die 50 Jahre alt sein, weshalb der Sex mit Octavian keine Folgen haben wird.

Als sich Besuch ankündigt, muß sich Octavian im Schlafzimmer der Feldmarschallin schnell verstecken. Zuerst vermutet sie  die Rückkunft ihres Mannes, der irgendwo im Kaiserreich Bären und Luchse jagt (Artenschutz gab es damals noch nicht). Doch der ungewollte Ehemann, von dem Therese so enttäuscht ist, taucht nie in der Handlung des „Rosenkavalier“ auf.

Der Vetter der Feldmarschallin, der grobschlächtige Baron von Ochs  auf Lerchenau tritt auf. Großer Name und Landadel, aber kein Geld hat er und vor allem: keine Manieren. Er begrapscht und verfolgt die angebliche Kammerdienerin Mariandl (die niemand anderer ist als Ochtavian in Frauenkleidern). Das ist schön komödiantisch, der Witz wird aber durch die rohe sexuelle Gewalt des Baron von Ochs getrübt. Er braucht von seiner Cousine eine Empfehlung für einen „Rosenkavalier“, einen Adligen, der seiner zukünftigen Ehefrau eine silberne Rose überbringt mit der Frage, ob sie mit der Heirat einverstanden sei (Hugo von Hoffmannsthal hat sich diesen „Brauch“ ausgedacht, den gab es nicht wirklich).

Octavian wird als junger Adliger die Rose der Sophie (Ashley Thouret) überbringen – und wie es die lebenserfahrene, selbstreflektierende Feldmarschallin vorausgesagt hat („Du wirst eine jüngere Frau statt meiner nehmen“) verliebt sich Octavian in Sophie. Diese Liebe scheint zunächst aussichtslos: denn Baron von Ochs stürmt mit seiner besoffenen Bande ins Haus der von Faninal und pöbeln herum, was das Zeug hält. Während von Ochs sich an die entsetzte und enttäuschte Sophie versucht ranzumachen, wird in kürzester Zeit das Hauspersonal von Sophies Vater  von Fannial terrorisiert, auch gern mal die Einrichtung verwüstet. Das Schlimme dabei ist zum einen die Zügellosigkeit und Grobhheit derer „auf Lerchenau“, für die Frauen auch nur Dinge sind, die man nach Belieben benutzen kann  – zum anderen auch, dass der Vater von Sophie das ganze Spiel mitspielt, anstatt den Mißhandler seiner Tochter vor die Tür zu weisen.

Das ist eindeutig keine Komödie mehr. Das ist Gesellschaftskritik.

Und wer jetzt sagt, dass dies doch nicht so ernst zu nehmen sei, weil die Oper „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauß im 18. Jahrhundert spielt, hat übersehen, dass es derartige Menschentypen bis heute gibt.Auch wenn sie nicht immer gleich so grob und platt auftreten wie der Baron von Ochs auf Lerchenau.  Sexuelle Gewalt nimmt leider kein Ende, auch wenn das Bewußtsein dafür heute viel größer geworden ist und es Strafgesetze gibt (die aber längst nicht weit genug gehen!). Und dazu das patriarchalische Denken, das Frauen als Ware statt als Menschen deklariert, die keine Rechte haben.

Die Umwelt dieses Barons, der Essen, Trinken und Sex als einzigen Lebensinhalt hat, ist auch ratlos, wie sie ihn loswerden kann… denn er ist  beratungsresistent. Selbst wenn er sich blamiert: es kümmert ihn nicht. Gesellschaftliche Regeln und Konventionen gelten für ihn nicht. Das läßt die Kinnlade erstaunt und entsetzt heruntersinken. Sagt mal, hat der noch alle??? WIE WEHRT MAN SICH GEGEN SOLCHE PERSONEN??? Als Zuschauerin hätte man große Lust, den von Ochs einfach zu erschießen. Blöd nur, dass die Oper dann urplötzlich zu Ende wäre.

Da hilft nur eins: ein erfolgreiches Strafverfahren mit jahrelanger Haft oder:

EINE LIST.

Und die gelingt, auch mit Hilfe der schmierigen Skandaljournalisten hervorragend. Die beiden und Octavian und die Feldmarschallin schaffen es, den scheinbar gegen alle Kritik immun befindlichen Baron von Ochs dermaßen zu blamieren, dass er sich trollen muß. Der Dummkopf von Sophies Vater ist nun auch aufgewacht und will keine Verheiratung mit diesem Holzklotz mehr. So ein Dummkopf. Hatte auch nur das eigene Ansehen statt das Wohl seiner Tochter im Kopf! Pfui!

Sicher geht es im „Rosenkavalier“ auch noch um was anderes: um die Zeit. Die Feldmarschallin weiß, dass ihre Liebesbeziehung zu Octavian nicht ewig sein kann. Die „Zeit läuft ihr davon“, die als schön bezeichnete Zeit hatte sie mit ihrem Ehemann nicht, weil sich dieser nicht für sie interessiert. Und jetzt läuft ihr die Zeit mit Octavian davon, sie weiß, dass sie wieder allein sein wird, weil der junge Graf eine andere heiraten wird. Ach könnte man die Zeit in schönen Augenblicken doch anhalten und der Arroganz der Zeit Einhalt gebieten.

 

Ein Studienkollege meinte, dass die Musik des „Rosenkavaliers“ so schön wäre, dass man dazu nur noch träumend in der mit warmen Wasser gefüllten Badewanne liegen möge. Das Schlußduett von Sophie und Octavian lädt durchaus dazu ein. Zurück bleibt trotz aller Komödie und Liebelei dennoch ein fader, bitter Nachgeschmack über das, was Männer Frauen antun können. Ein Freund, der Opern liebt meinte gar, er würde sich genau wegen dieser offenen Gewalt gegen Frauen diese Oper nicht ansehen wollen. Doch soll man nicht zeigen (dürfen), was „sich nicht gehört“ oder was die Gesellschaft nicht sehen will?

So abstoßend die Gewalt gegen Frauen auch ist: sie soll auf der Bühne gezeigt werden bis zu einem erträglichen Maß. Nur weil etwas nicht gezeigt wird heißt es nicht, dass es nicht existieren würde!  Denn der Inhalt sagt auch viel über die Gesellschaft aus (in diesem Fall in der Hauptsache aber nicht nur über die des 18. Jh.), die es duldet, dass Frauen unglücklich in ihrer Ehe sind, nicht gefragt werden, wen sie heiraten wollen (dass sie heiraten wollen, wird ohnehin vorausgesetzt und ist eine finanzielle Notwendigkeit – in manchen Gegenden bis heute) und die jede Gewalt gegen Frauen ungestraft duldet. Hauptsache die Töchter machen „eine gute Partie“ und haben einen reichen Ehemann. Gefühle spielen dabei keine Rolle.

 

Ob Sophie und Octavian glücklich werden als Paar? Zumindest hat Octavian Manieren, wenn er auch so forsch und möglicherweise beim Sex noch unbeholfen und grob ist…. vielleicht hat er durch die Affäre mit der Marschallin auch schon ein Stück gelernt, wie man mit Frauen umgeht. Vielleicht wäre auch eine Feldmarschallin in ihrer verstecktesten Überzeugung lieber Single geblieben, weil die Männer die Frauen ohnehin nur ausnutzen? Das wäre im 18. Jahrhundert kaum möglich gewesen, als Frau unverheiratet zu bleiben.

 

Fazit: „Der Rosenkavalier“ am Theater Dortmund ist hörens- und sehenswert, aber man muß die sexuelle Gewalt, die auf der Bühne gezeigt wird (und u. a. auf großen Volksfesten wie dem Oktoberfest immer noch trauriger Alltag ist), aushalten können. Der großartigen Leistung der Sängerinnen und Sänger sowie den Dortmunder Philharmonikern und der abwechslungsreichen Inszenierung  ist es zu verdanken, dass die Oper im gesamten eine gelungene Sache geworden ist. Im Gegensatz zur Fernsehübertragung habe ich mich nicht gelangweilt, auch wenn manche Teile langwierig sind und ggf. eine Kürzung vertragen hätten.

 

Der Rosenkavalier, Oper von Richard Strauß am Opernhaus Dortmund

http://www.theaterdo.de/detail/event/16012/

nächste Vorstellung: 7. Mai 2016, 18 Uhr. Die sehr informative Einführung gibt es bereits um 17.15 Uhr im Foyer.

 

 

 

Das Lastenrad fetzt!

Vor einiger Zeit hatte ich über meine erste Fahrt mit dem Lastenrad (= Cargobike) Rudolf berichtet ( https://wordpress.com/post/fahrrad3gruen.wordpress.com/977 ) und wie gut es sich fahren ließ. Seitdem habe ich es immer wieder ausgeliehen, meist für den Getränkekauf. Man kann mit dem Ding erstaunlich schnell fahren.

Dann hatte mich mal einer derjenigen, die das Lastenrad ausleihen, angesprochen, dass es ein Lastenradrennen = Cargobikerennen geben werde und ob ich nicht mitmachen wolle. . Ich war erst verwundert, denn bei einem Lastenrad denkt man nicht an Rennen (bei schlanken dünnrädrigen Fahrradtypen schon). Bei der SPEZI (www.Spezialradmesse.de) in Germersheim/Rheinland-Pfalz hatte ich vor Jahren schon mal verschiedenste Radtypen ausprobiert. Mein Touren-Liebling ist das Liegerad Flux C500 (das ich haber nicht bezahlen kann, nicht mal gebraucht).  Ich bin offen für solche Rad-Verrücktheiten. Also meldete ich mich an. Das schöne ist, dass im Voraus von den Veranstalter-/innen betont wurde, dass es nicht ums Gewinnen, sondern um den Spaß ging. Das war genau richtig.

Die Woche kam, an deren Ende das Rennen mit den scheinbar behäbigen Lastenrädern stattfinden sollte. Leider plagt mich genau in dieser Woche sinnlos eine Pollenallergie, worunter die allgemeine Fitness litt. Dennoch, ich wollte fahren.

Freitag 15. April 2016, 13 Uhr: nach der Registrierung und Startnummernvergabe ging das Rennen los.

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Ich bekam den roten Rudolf geliehen. Die anderen hatten z. T. ihre eigenen Lastenräder dabei. Die Helmpflicht nervte etwas, denn ich fahre mit sowas häßlichem nicht (und mein Verein, der ADFC ist nicht umsonst gegen eine Helmpflicht: http://www.adfc.de/helme/seite-1-die-position-des-adfc ), das den Kopf nicht vor dem schützt, vor was er geschützt sein soll, nämlich Windzug und das drauffolgende Kopfweh sowie Regen. Nein danke, ich bin keine Soldatin und fahre und renne als solche NICHT herum. Es war auch witzlos, dann einen geliehenen zu tragen, der mir viel zu locker saß, weil ich eben einen kleineren Dickkopf habe, aber was soll´s …. hier paßte ich mich eben den allg. Regeln an, auch wenn es mir vorher schon leid tat, wie scheiße ich mit dem Ding aussehen würde auf all den Pressefotos. Ich sah zu, das alles erst mal zu vergessen und mich auf das Rennen zu konzentrieren.

Wow, ich nahm an einem Rennen teil… und endlich mal mit etwas, was ich freiwillig machte und nichts, wozu man gezwungen wird (die sinnlosen, beschämenden Bundesjugendspiele und den dummen, weil schlecht und einseitig gestalteten Schulsport). Dennoch, zu meiner Verwunderung war ich aufgeregt wie vor einem Auftritt auf einer Konzertbühne. Und, schnauf, alle anderen Teilnehmer waren Männer. Mal sehen…  Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Nichts da, jetzt wird mitgemacht.

Der Shimano-Moderator zählte herunter, dann ging es los. Die anderen stürmten voran, ich kam erst nicht los, weil derjenige, der das Rad vor mir hatte, den großen Gang drin gelassen hatte. Aber dann schoß auch ich los!

Die Rennstrecke war ein Parcour in der Nähe der Reinoldikirche, etwa in einem Oval gehalten. Nicht lang, aber dafür mit einer Kurve und einem Hindernislauf, d. h. man mußte „Verkehrshütchen“ im Slalom umfahren (rechts im Bild). Dann eine Linkskurve und zurück zum Anfang. Noch dazu gab es Rillen und Straßenbahnschienen, die nicht ganz so zubetoniert sind, wie man es gerne hätte…  Das erforderte Geschicklichkeit. Gut, dass man die Strecke vorher einmal in Ruhe abfahren hatte können.

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Beim Verkehrsunterricht und Prüfung in der 4. Klasse hatte ich mich damals geärgert gehabt, manche Hindernisläufe nicht bewältigt zu haben. Leider gilt schon von frühester Kindheit an dieses scheiß verdammte Leistungsprinzip, weniger oder gar nicht die Freude und der Spaß am Fahren oder eben an der sportlichen Bewegung. Und dann wird gemotzt und von Autoritäten mit Nachteilen gedroht (Schulleitung, Lehrer-/innen, Eltern) wenn Schüler-/innen keinen Bock mehr auf das depperte Geräteturnen und ähnlichen Müll haben. Haallo! Es gibt noch mehr Sportarten und -sparten als diese dumme, erniedrigende Leichtathletik! Schon aufgewacht, bayerisches Kulturministerium???

Aber klar, mit Noten korrigiert diffamiert und schikaniert sich noch leichter, vor allem beim Schulsportunterricht, dafür habe ich für die Lehrer-/innen, vor allem für die Sportlehrer-/innen  in Bayern vollstes Verständnis.

 

Doch zurück zum Lastenrad-Rennen!

Eine Runde wurde ohne Last gefahren. Dann mußte man 2 Packen Zeitungen, 1 Kasten Wasser und eine Paketrolle aufladen. Das gab dann schon mal ein Gedränge, bis man wieder loskam… aah, und den Lieferschein (rechtes Bild) nicht vergessen! So wie im richtigen Fahrradkurier-Leben eben 😉

 

Vor allem die Rolle wollte gut verstaut sein. Ich schaffte es, sie unterwegs nicht zu verlieren, was andere, die beim Laden schneller gewesen waren, taten. Mit Ladung waren 2 Runden zu fahren. Und hey, ich schaffte es! Ich kam ins Halbfinale! 🙂

Ein paar der Fahrer, die noch auf ihren Start warteten, applaudierten mir, einer lobte mich: „Dein erstes Lastenrad-Rennen?“ – ich bejahte. „Wow , Respekt!“ Ich freue mich so sehr über dieses Lob…

Die Aufregung forderte aber ihren Tribut und ich wünschte, ich hätte eine Banane dabei gehabt.. die Ruhe des anderen Fahrers, zwischen den Runden noch ein Brot zu essen, hatte ich nicht.

Danach kam die 2. Runde, ich hatte erst mal Pause. Aber dann kam das Finale… und da verließ mich leider Kraft und auch ein Teil des Mutes. Man darf eben nicht bewußt oder unbewußt an bestimmte Sachen denken, die beim Fahren stören könnten, sonst sind sie wirklich ein Störfaktor. Nur die ersten 3 gewannen, ich kam als 5. ins Ziel. Aber was soll´s es hatte mir großen Spaß gemacht. Und unglaublich, was das bißchen Fahren – also auf die Länge bezogen – an Kraft kostet.

Ein kleines Video zum Lastenrad-Rennen

ohne Elektromotor gibt es hier:

(Datei mit dem Anhängsel     Datei Z120806.mp4

https://www.dropbox.com/s/3ccnpyyt7amm2s5/WP_20160415Z120806.mp4?dl=o

Mit Elektromotor:

Datei: mit Anhängsel:     „Z114653.mp4“

https://www.dropbox.com/s/3ccnpyyt7amm2s5/WP_20160415_114653Z.mp4?dl=0

 

Die Räder mit E-Motor hier:()

https://www.dropbox.com/s/o3rac5ign5nu4yk/WP_20160415_120806Z.mp4?dl=0

 

 

Weitere Rennen fanden statt: Pedelecs und Lastenräder mit E-Motor-Unterstützung. Und Mehrspurer. Der Kuriosität an Fahrrädern war keine Grenze gesetzt.

 

Besonders witzig: Das Rad mit dem Sonnenschirm, eine „Christiania.“ Wow, wie der Fahrer das Ding so schnell um die Kurve lenken konnte! Das Ding hat eine gerade Stange als Lenker, man spürt die Ladung beim Lenken sehr deutlich. Das macht die Schwierigkeit aus. mit dem Ding zu fahren… mir ist der rote Rudolf lieber, der läßt sich wenigstens gut lenken, ohne dass man das Gefühl haben muß, immer auch das Gewicht der Ladung „mitzulenken.“

Der „Planwagen“, das war die einzige 2. Frau, die überhaupt beim Lastenrad-Rennen mit dabei war. Ich gratulierte ihr nachher: sie hatte ebenfalls ein anspruchsvolles Fahrzeug, einmal bekam sie auch nicht ganz die Kurve (was dann bei der Moderation leider zu einem sexistischen Kommentar geführt hatte – wohl war dem Sprecher nicht bewußt, was er da für einen Blödsinn verzapfte, er wollte einen Witz machen – aber es ist nunmal nicht witzig, wenn man jemand wegen ihres oder seines Geschlechts bezichtigt, etwas nicht zu schaffen!). Das Gute war, dass sie den 2. Platz in der Kathegorie Mehrspurige Lastenräder gewann. Herzlichen Glückwunsch, Turkan! (Pardon, wenn der Name falsch geschrieben ist).

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Und das waren die Trophäen: Die goldenen Pedale. Dazu gab es Abus-Lenkertaschen und für den ersten Sieger eine große Flasche Sekt.

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Siegerehrung Lastenrad mit Muskelkraft

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Siegerehrung bei den Mehrspurern. Und die 2. Frau des gesamten Rennens auf dem 1. Platz! 🙂

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Turkan war dann doch auf dem 1. Platz… einem Rennfahrer ist leider die Kette gerissen gewesen. Echt schade und doof, wenn einem sowas passiert….

 

 

Hier noch eine Auswahl an Fahrrädern, die beim Rennen mit dabei waren oder einfach nur als Besucher-/innen mit dabei waren. Wenn das Lastenrad nur nicht so teuer wäre für einen schlanken Geldbeutel. Es fährt sich leichter als mit Hänger hinten dran.

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Der Mercedes unter den Fahrrädern: Riese und Müller Lastenrad mit Elektronantrieb.

 

 

Der Fahrer dieses Rades (mit der Startnummer 3) hat sich aufgrund der hohen Preise für Neuräder aus Metall aus Bambus selbst ein Lasten-Rad gebaut. Ich staune darüber, wie gut das hält… und wie es den Regen aushält, die Feuchtigkeit… echt eine Leistung, sowas zu bauen. Hm….ich glaube, mir wäre Metall trotzdem lieber…

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ein Lastenrad hatte sogar so schmale Reifen, die an Rennrad-Reifen erinnerten. Kein Mensch denkt bei Lastenrädern an solche Reifen! Der Hammer.WP_001842.jpg

 

 

 

ein anderes Rad sah aus wie ein Postrad mit elegant geschwungenem Rahmen.

 

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„Mein“ Rad, der rote Rudolf, der bei der Initiative VeloKitchen, bzw. VeloCityRuhr ausgeliehen werden kann.Im Hintergrund die Ladung (Zeitungspakete, Rollen, Wasserkästen).

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…und wenn die Beine und Füße nicht mehr wollen, wird eben mit Händen und Armen und Schultern gefahren. Fertig. Ein Zuschauer.

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Danke an die VeloKitchen, Plan B und allen, die das Lastenrad-Rennen (Cargobike-Rennen) in Dortmund an der Reinoldikirche möglich gemacht haben! Gerne wieder… 🙂

RIDE ON!!!

 

http://www.ebike-festival.org        –      http://www.dein-rudolf.de       http://www.velokitchen-dortmund.de

66 Frauen – und die Gruppe funktioniert!

Weibliche Vorbilder sind rar. Selbst bin ich unter lauter schwachen und gleichzeitig diktatorisch handelnden Frauen aufgewachsen, die ich nur als Dummchen und Mäuschen bezeichnen kann. Alles brave katholische Hausfrauen, die immer schön unselbständig geblieben sind und von Pfarrern, Ärzten, Ehemännern und sonstigen Autoritäts-Pfeifen über sich und – noch schlimmer – ihren Körper bestimmen lassen. NEIN, das wollte ich nicht. Das wußte ich schon bald. Aber wohin dann? Wo Vorbilder suchen? Meine Vorbilder waren dann dennoch oft Männer außerhalb dieses kranken Kaffs, wo ich aufwachsen hatte müssen. Ob das immer gut war: keine Ahnung. Das Problem dabei ist eben: selbst die nettesten Freunde sagen bei manchen Sachen (nicht zu Unrecht): pardon, aber das mußt du mit einer Frau besprechen. Das verstehe ich; ich werde niemals erfahren können, wie sich Prostata-Krebs oder andere Männer-Krankheiten anfühlen. (Jedoch schließt das für alle Geschlechter gegenseitigen Beistand im Krankheitsfall nicht aus!)

Ich habe ein Stück Sicherheit und Wissen dazugewonnen: das ständige Rumeiern und Nicht-Trauen-Wollen und die Unsicherheit wurden durch die Fähigkeit einer nüchternen Analyse von Problemen ersetzt. Statt Rumjammern, Schreien und ständiges Beschweren sich selbst im Spiegel betrachten und überlegen, was falsch gelaufen ist oder warum es diese Problem gibt. Nach Lösungen suchen. Das klappt nicht immer, ist aber ein guter Ansatz, um besser im Alltag zurechtzukommen. Verantwortung für sich und sein Leben übernehmen anstatt die Verantwortung an andere (Ärzte, Pfarrer, Ehemänner, Brüder) abzugeben. Selbst überlegen, was richtig und falsch ist, anstatt Kirchenlehren, Gesundheitsmagazinen, Parteien  und anderen „Heilsbringern“ nachlaufen. Puh, ganz schön anstrengend. Aber das ist nunmal das Leben.

Nur selten konnte ich bisher Frauen kennenlernen, die einen echten Kontrast zu all den Dummchen in der Verwandtschaft und im Dorf waren. Und wenn ich sie traf war es mir leider nicht vergönnt, sie lange zu kennen. Durch den Film heute wurde ich an meine Orchesterfreundin Barbara E. erinnert. Sie spielte Bratsche (ich Geige) und hatte immer ein offenes Ohr für mich, wenn die verbal grobschlächtigen Kollegen der 1-€-Job-Stelle mal wieder ihr unverschämtes Maul spazieren gehen ließen und ich vor Unsicherheit nicht wußte, wohin oder das Arbeitsamt wieder seine Klugscheißer-Parolen loslassen mußte (ach so, die Behörde heißt bei Hartz-IV-Bezieher-/innen ja „Arbeitsgemeinschaft= ARGE. Es liegt beim SGB III vieles im Argen.) Oder wenn die Mutter am Telefon wieder Terror in Form von Vorwürfen produzieren mußte. Merke: jeder ist immer selber schuld an ihrer oder seiner Arbeitslosigkeit.

2007 oder 2008 mußte genau diese liebe Frau, die bald meine einzige Freundin war, an dem verdammten Krebs sterben. Fast hätte ich auch sterben mögen, denn bald war in diesem Orchester, in dem die Kugelgrippe und Kinderseuche ausbrach, kein Platz mehr für mich. Meine Fresse! Sonst keine Sorgen außer Kinder produzieren müssen! Es gab keine anderen Gesprächsthemen mehr. Für einen gewissen Zeitraum wurde ich zur Kinderhasserin. Bis ich erkannte, dass nicht die Kinder das Problem waren sondern ihre Eltern, die sie in die Welt gesetzt hatten. Denn niemand bestimmt selbst über ihre oder seine Existenz. Das tun andere. Und die Willkür der Verschmelzung von Ei und Samenzelle entscheiden darüber, welchen Müll und welche vorteilhaften Merkmale man im Körper mitbekommt.

Fast während des ganzen Films mußte ich an meine liebe Freundin Barbara denken. Weil es darin eine Frau gab, die ihr nicht nur ähnlich sah sondern auch ihr 2. Instrument spielte: Posaune. Verflucht noch mal, warum hatte Barbara E. so bald sterben müssen?? Hatte ich kein Recht auf Freundschaft und Unterstützung in diesem scheiß Leben?? Endlich mal jemand, die mich ernst nimmt!

Im Film „Kein Zickenfox“, den ich mir heute ansah (und dafür extra nach Münster eilte) gibt es diese starken Frauen, die ich als Teenager so dringend gebraucht hätte. Mein Frauenbild war nie ein besonders gutes: schon in der 7. Klasse Realschule war ich in einer Mädchenklasse, im Beruf (1. Ausbildung, Büro) nur unter Frauen. Es war grauenvoll. Ich sprach nur von den „dummen Weibern.“ Falsch und zickig waren sie alle, unfähig, Konflikte zu lösen. Stattdessen: böse hinter dem Rücken anderer reden, scheißfreundlich (also falsch freundlich) sein und dabei dumm im Kopf sein, dass es stinkt. Ja, ich kann mich übers Kuchenbacken und Kochen unterhalten. Aber es ist nicht mein Lebensinhalt!

Ich dachte damals, ich sehe und höre nicht recht: in der übernächsten Stadt mit ca. 500.000 Einwohner-/innen in der Ausbildungsstätte und dann haben diese Weiber Gesprächsthemen wie die Mäuschen auf dem Dorf! Nein, nein, nein! Waaah, lass mich ein Mann sein! (da war ich 16 bis 18 Jahre alt). Zu sowas will ich als Frau nicht gehören oder  gezählt werden!!

Während des Studiums in einer bestimmten ostdeutschen Stadt erschreckte mich nach ein paar positiven Erfahrungen mit Lehrerinnen im HKK Nürnberg eine Bekannte, die sich mit Mitte 50 immer  noch wie ein dummes kleines Mädchen aufführte. Es ist und bleibt mir schleierhaft, wie man durch Rumjammern und Getue sich scheinbare oder tatsächliche Vorteile verschafft. Der Mann, mit dem sie zusammen ist ist dumm genug, um immer auf ihre Wünsche einzugehen. Ich habe nur eine gemeinsame „Wanderung“ mitgemacht. Ich hätte ihr am liebsten in ihr dummes Gesicht geschlagen, so unerträglich war dieses Getue. Mies und hinterhältig ist das, sich durch Mitleid das zu verschaffen, was man will. Ich hasse solche Weiber!

Ich habe gelernt: nicht jede Frau, die zufällig schlank und vielleicht noch blond ist und Kosmetik benutzt (Nagellack, Schminke und so Zeugs) ist gleich eine blöde Tusse oder gar  ein Dummchen. Eine Berufsschullehrerin bei meiner 2. Ausbildung war immer stark geschminkt und eine tolle Ethiklehrerin. Sie vermittelte mir das erste Stück freies Denken abseits der Religion. Da war ich Anfang 20. Ich habe weder sie noch Barbara E. angebetet, denn sie waren/sind Menschen – und darum geht es auch nicht, ums Anbeten. Sie waren echte Vorbilder, weil sie mir ein starkes Frauenbild vermittelten.

Vor einigen Jahren noch glaubte ich nicht daran, dass eine Gruppe von Frauen was gescheites zustande bringen könne. So wie ich Frauen meistens kannte, dachte ich mir immer: das KANN NICHTS WERDEN. Lauter Frauen! Die machen doch wieder nur Zickenkrieg und fauchen sich an, können sich nicht einigen. (Das andere Extrem: militärisches Befehlshabertum und Anschreien meist unter Männern ist auch keine Lösung). Die können nicht vernünftig diskutieren, ohne sich gegenseitig zu verletzen und fertig zu machen.Und reden nur über Mode, Schminke, Fernsehserien und Männer. Ich weiß, das ist sexistisch – aber so hab ich die meisten Frauen kennengelernt.

„Kein Zickenfox“ ist der Dokumentarfilm über das Frauen-Blasorchester Berlin. Und zeigt, dass eine Gruppe von Frauen sehr wohl funktionieren kann, dass diese was zustande bringen, was auch noch gut klingt und allen Beteiligten – und dem Publikum Spaß macht. Die Musikerinnen kommen darin allein zu Wort, es gibt keinen Kommentar, meist sprechen die Bilder für sich, was warum gerade passiert. Fast 70 Minuten dauert dieser Dokumentarfilm und es ist keinen Moment langweilig.

Die Dirigentin Astrid bekam keine Arbeitsstelle. und was macht sie? ein eigenes Orchester gründen!  ( http://www.astrid-graf.de/%C3%BCber-mich/ ) Ein mutiges Unterfangen in einer Zeit, in der jede und jeder Angst vor dem sozialen Abstieg und Angst vor Armut hat. Doch es hat funktioniert: nachdem sie Klarinette studiert hatte und in einigen anderen Ensembles nach dem Studium gespielt hatte, war sie eine 2. Dirigentin in einem Orchester – und merkte, dass es noch was gab, was sie machen wollte: ein Orchester leiten. 2003 wurde das Frauen-Blasorchester Berlin gegründet.

Bei einigen Szenen muß ich an meinen Studentenchor in der ostdeutschen Stadt denken, wenn die Dirigentin genervt ist, weil die Musiker-/innen zu laut sind. Viele Leute diszipliniert zu halten, ohne autoritär aufzutreten und wie ein Militär rumzuschreien, das ist nicht einfach. Auch unsere Chorleiterin war öfter genervt (bei manchen Dingen war sie aber selber schuld, dass es soviel Unruhe gab und getuschelt wurde. Öfter mal offener sein und wirklich sagen, was man fühlt und denkt! Das hilft bei der Verständigung mit allen anderen!) Was mir am Studentenchor allerdings zeitweise  fehlte war die offene Aussprache. Offensichtlich gibt es immer noch Menschen, die diese scheuen. Klar, ist eben anstrengend, wenn man Widerspruch bekommt. Dirigentin Astrid sagt der Tuba-Spielerin, sie möge doch an dieser einen Stelle nicht atmen. Die Tuba-Frau widerspricht, dass das nicht gehe – Die Dirigentin sagt, dass es aber so sein solle und sie solle es mal versuchen.

Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten: entweder die Blaswerkerin ist beleidigt und findet die Dirigentin doof (weil sie in der Rede nur den vorwurfsvollen Ton gehört hat) oder: sie nimmt die Anweisung als Anregung, es doch mal zu versuchen, an besagter Stelle nicht zu atmen, damit kein Loch im Melodiefluß entsteht. Es wird schon hitzig diskutiert in diesem Frauen-Blasorchester, die Schlagzeugerin Frauke erscheint der Zuschauerin besonders streitlustig. Dennoch: als Filmzuschauerin hatte ich den Eindruck, dass diese Frauen eben miteinander reden, ohne zu zicken, ohne sich gegenseitig anzuschreien und fertig zu machen. Sie können auch nach der Probe noch zusammensitzen, keine geht mit großer Wut auf die andere nach Hause. Konflikte bedeuten nicht automatisch Trennung, ewigen Haß oder ständigen Streit. Auch wenn die Nerven der Dirigentin oft genug angespannt sind.

Ein wichtiger Satz, der für ALLE Ensembles gelten kann, ist mir in Erinnerung geblieben: vor einem Auftritt sagt Dirigentin Astrid Graf zu ihren Musikerinnen: „den Leuten da draußen ist es egal, wie es Euch geht, was Ihr denkt oder jetzt fühlt. Die wollen schöne Musik hören. Und wenn Ihr denkt: oh, das klang jetzt scheiße steht Ihr am Ende trotzdem auf.“ (sinngemäße Wiedergabe der Ansage). Wie recht sie hat. Ist nicht immer so einfach, den belastenden Alltag hinter sich zu lassen.

Die Musikerinnen werden nicht nur bei den Proben, sondern auch in ihrem Alltag gezeigt. Die Tuba-Spielerin ist Landwirtin und mag ihren Beruf. Böse Zungen würden ihr aufgrund ihres Körperbaus und ihrer Arbeit abwertende Bezeichnungen geben, auf deren Nennung ich hier verzichte. Das Wunderbare ist doch, dass dieses Orchester funktioniert und dass jede Frau sein darf, wie sie ist: ob mit kurzem Haar und androgyner Figur, ob lesbisch oder hetero, ob alt oder jung, ob groß oder klein, dick oder dünn, ob Technikerin, Erzieherin oder Polizeibeamtin. Der Alltag, zu dem nicht nur Twitter gehört (Hashtag #imZugpassiert und ähliches) ist voll von diesem furchtbaren Haß gegenüber Frauen, die nicht dem sexistischen Klischee entsprechen.

Eine Flötistin mit 21 Jahren ist die jüngste Musikerin. Sie sagt, dass viele Gesprächsthemen für sie ungewohnt seien, weil diese Themen sie noch nicht betreffen würden. Sie sehe das jedoch als Bereicherung. Wow, eine jüngere Kollegin , die mal nicht (nur) überfordert ist. Eine ältere Frau, die Horn spielt, arbeitet in der JVA als eine  Beraterin für straffällig gewordene Frauen. Das muß eine gute Hilfe für diese Frauen sein, mal ohne ständige Beschuldigungen einen Rat zu bekommen, was sie tun können, denn wie die Hornistin sagt: „diese Frauen haben in allem versagt: als Frau, als Mutter als Arbeitnehmerin.“ So wird es von der Umwelt gesehen. Nur helfen ständige Beschuldigungen beim Besserungsprozeß nichts, auch wenn völlig klar ist, dass diese Frauen Fehler gemacht haben.

Im Film „Kein Zickenfox“ gibt es 2 Höhepunkte: einer ist der Auftritt in der Philharmonie gegen Ende des Films. der 1. Höhepunkt ist der Besuch bei einer Dorfkapelle in einem Dorf im Steigerwald. Hier treffen 2 Kulturen aufeinander, könnte man meinen. Schon als ich in der Ankündigung las, dass das Frauen-Blasorchester Berlin auch auf einem Dorffest spielen würde, wurde mir schlecht. Tut Euch das nicht an! Vermeidet all diese furchtbare sexuelle Belästigung, die es dort IMMER! gibt! Ich bin selbst in solch einem Dorf aufgewachsen, wenn auch nicht im Steigerwald/Oberfranken. Die meisten Männer dort haben keinen Respekt vor Frauen und behandeln sie wie Menschen 2. Klasse. Und auch die meisten Frauen haben keinerlei Bewußtsein für sich und ihren Körper. Anders lassen sich eingangs genannte Umstände nicht erklären. Die finanzielle Abhängigkeit vom Ehemann (ja, auch im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert noch Fakt!) kommt noch erschwerend hinzu.

Die Reaktionen der Dorfbewohner-/innen sind interessant. Einerseits neugierg („wie kann denn ein Orchester nur mit Weibern funktionieren?“), andererseits auch ungläubig, dass „sowas“ überhaupt existieren kann. Und wie die aussehen. Die tragen keine Trachten, auch tragen sie nicht alle Röcke. Und die an der Tuba – die sieht aus wie ein Mann! Und huch, die zwei müssen – wie nennt man das? – homosexuell sein. Das hat man vielleicht mal im Schulunterricht gehört, dass es sowas gibt (und das nicht schlimm ist), wenn die oder der Lehrer-/in etwas heller und mutiger war als es das bayerische Schulsystem vorsieht. All dies scheint in den Köpfen der Dorfbewohner-/innen und Mitglieder der dortigen Blaskapelle vorzugehen.

 

Die Ober-Peinlichkeit und Grausamkeit ist ein Lokalpolitiker, der schon vor dem Auftritt des Frauen-Blasorchesters Berlin stockbesoffen direkt vor dem Frauen-Blasorchester, das nun zum Spielen anfangen will, herumwankt. Möglicherweise hat er eine der Musikerinnen oder die Dirigentin, die ihn deutlich auffordert, sich hinzusetzen, vorher blöd angemacht. Einfach nur widerlich. So geht man nicht mit Gästen um! (aber sind ja nur Frauen, mit denen darf man das machen. Hahahahaha!) Als Zuschauerin fühlte ich mich ungut an eigene Erlebnisse erinnert. Die 2. Straftat nach der blöden Anmache ist das Totschweigen solcher Vorgänge im Dorf: selbst die Ehefrauen dieser besoffenen Rüpel reden die Straftaten ihrer Männer noch schön. Ich fass es nicht. Bei einer Hochzeit im Dorf (Hinweis: wenn jemand auf dem Kaff kirchlich heiratet und das Brautpaar aus der Kirche tritt, kommen alle und schauen zu. Is ja sonst nix los, was man man anglotzen könnte) war der Bräutigam sturzbesoffen während die Braut höflich mit den Gästen plauderte und freundlich lächelte. Also gute Frau, das war wohl nicht dein Ernst! (Es hätte wohl sehr viel Mut erfordert, vor dem Altar laut NEIN zu sagen, dass man so ein besoffenes Arschloch nicht heiraten will. Ein Eklat von staatstragendem Ausmaß für ein Dorf).Die Dirigentin Astrid Graf zeigte sich geschockt darüber, dass die Zimmerwirtin/-wirt von „60 Mann“ für den Bedarf an Unterkunft für die Frauen des Orchesters sprach. „Nein, wir sind keine Männer, wir sind Frauen!“ – Wer nicht nachdenkt, dem fallen solche sprachlichen Ungenaugikeiten nicht auf. In der Schule lernt man Schreibweisen wie Posaunist-/in leider nicht.

Wer jetzt lautstark protestiert, dass ich hier die Dorfbewohner-/innen einseitig verunglimpfe dem sei die genaue Beobachtung eines Dorffestes- vor allem (aber nicht nur) in Bayern empfohlen.Sie oder er wird dabei erschreckende Ähnlichkeiten zu eben diesen beschriebenen Vorkommnissen feststellen müssen.

Ein Dorf wird nie die Freiheit haben, die eine richtige Großstadt wie Berlin bieten kann. Andersartigkeit erregt immer Aufsehen, auch Unsicherheit. Wer noch nie z. B. zwei Frauen gesehen hat, die sich auf den Mund küssen, weil sie sich eben lieben wie man es sonst von Frauen mit Männern kennt, die oder der ist verwirrt. Das ist erst mal völlig normal und ok. Doch an dieser Stelle darf man nicht stehen bleiben. Viele denken leider immer noch: die oder der ist anders und deshalb falsch. Und schlecht. Und eine Gefahr für mich und meinesgleichen! Nein. Die Andersartigkeit muß hinterfragt werden.Denn hey, das Leben ist bunt! Wer das erste mal küssende Frauen oder küssende Männer sieht fragt sich, was mit denen los ist. Und kommt dann drauf, das diese Menschen homosexuell sind. Und deshalb keine schlechten oder gar falschen Menschen sind und auch nicht krank. Sie sind wie sie sind und wenn sie einem unsympatisch sind dann liegt das nicht an der Homosexualität. Liebe ist Liebe und es ist so wunderbar zu sehen, wenn sie im Leben existieren kann und darf. Es ist eine Freude zu sehen, wie zwei schon ältere Frauen im Frauen-Blasorchester Berlin zueinander gefunden und dann geheiratet haben.

Deshalb seien an dieser Stelle diejenigen ermutigt, die unsicher sind, wenn sie auf Andersartige treffen, sich über diese Andersartigkeit zu informieren. Das ist heute, wenn man die richtigen Internetseiten kennt einfacher als früher, als man als Dorfbewohner-/in völlig abgeschnitten war, auch mit Auto. Eine gute Seite auch zum Thema Homosexualität ist http://www.bpb.de .

Ich habe die Musikerinnen bewundert, wie sie den Aufenthalt bei dem Dorffest verkraften. Dass dieser Besuch funktionieren kann, liegt an zwei Dingen:

  • diejenigen, die anders als die bereits Anwesenden (=Dorfmenschen) sind, sind viele. Allein die Masse an Frauen, die nicht den lokal vorhanden Vorstellungen von Frau-Sein entsprechen, machen die Andersartigen stark. Die Andersartigkeit der Besucherinnen muß so zwangsläufig akzeptiert werden.
  • Der Aufenthalt derer, die anders sind, dauert nur eine gewisse Zeit an. Niemand der Berlinerinnen muß auf dem Dorf wohnen bleiben. Das macht es möglich, dass man als Andersartige selbst authenisch bleiben kann.

 

Eine der Berliner Musikerinnen sagt zu Recht, dass sie wisse, warum sie in Berlin lebe. Dieser Satz ist nur zu unterstreichen. Aufgrund des größeren musikalischen Horizonts erkennen die Berlinerinnen auch bald, wie eintönig die Stücke der Dorfkapelle sind. Dieses negative Image haftet Blasinstrumenten bis heute an, nur für „uffta-taa“-Bierzeltmusik da zu sein. Dabei war es mit Sicherheit nicht die Absicht des Frauen-Blasorchesters Berlin, diese Dorfkapelle abzuwerten. Es sind eben Unterschiede, die beim gemeinsamen Musizieren zutage traten.

 

Mein Wunsch, doch endlich ein 2. Instrument, nämlich Saxophon zu lernen, wurde durch den Film erneut gestärkt. Blöd eben, dass mir grad das Geld für Unterricht und Instrument fehlen. Gern würde man beim Frauen-Blasorchester mitspielen – weil es dort eben keinen Zickenfox gibt.

 

„Kein Zickenfox“ , Dokumentarfilm von Dagmar Jäger und Kerstin Polte.

http://www.darlingberlin.de/kein-zickenfox.html

 

Die Seite der Dirigentin:

http://www.astrid-graf.de/aktuell/

 

Die Seite des Orchesters selbst:

http://www.fbob.de/

Leider ist der Film nur in wenigen Kinos anzusehen. Unter filmstarts.de kann man nachsehen, ob es ein Kino gibt, das den Film ausstrahlt.

Die Nächste Vorstellung im Cinema & Die Kurbelkiste in Münster, Warendorfer Straße 45: Sonntag 3. April 2016, 14.20 Uhr.

http://www.cinema-muenster.de/menu/home.html

Und: macht weiter so! Ihr seid starke Frauen! Mit Eurer Musik und auch Eurem Tun habt Ihr mich beeindruckt.Solche Frauen braucht es, die Vorbilder für nachfolgende Generationen sein können.

 

 

Alle Bilder wurden aus dem Pressematerial unter http://www.darlingberlin.de/kein-zickenfox.html entnommen. Danke an die Fotografen und Fotografinnen, u. a. an Dagmar Jäger.

 

 

Infos zum Film (Verleih, Inhalt u. a.) :

http://www.darlingberlin.de/kein-zickenfox.html

Suchen – und finden?

Wettertechnisch wurde für den heutigen Tag empfohlen, man solle es sich zuhaus gemütlich machen. Wind und auch Regen würden die Ausflugslaune verderben. Da ich gestern zuhaus geblieben war, wollte ich dennoch los. Das erste Mal gen Norden nach – ja genau dorthin, wo es auch so schön Flachland hat, das Münsterland!

Das erklärt teilweise auch, warum Münster als „Fahrradhauptstadt“ bezeichnet wird. In 50 Minuten ist man dort mit dem Zug, es gibt eine direkte Verbindung und eine, die über Hamm führt.

Der Hauptbahnhof Münster macht einen recht schnieken Eindruck. Klar, man ist eine Universitätsstadt (ob die Nebenbahnhöfe, also die kleinen, genauso grausig sind wie in Jena?) Allerdings wird momentan gebaut, weshalb es beim Zugang zu den Gleisen keinen Zugang zur Innenstadt gibt. Deshalb auch auf der geschlossenen Seite des Gleiszugangs die Schließfächer, die wie eine undurchdringliche Wand wirken, die keine Zauberkraft und keine Menschen- oder Maschinenkraft beiseite fegen kann. Das verwirrt. Erst auf dem Rückweg wurde mir klar, dass die Innenstadt und die Straße, auf der ich zur Promenade wollte, eben auf der verschlossenen Seite des Hauptbahnhofs war.

Den Wind spürte ich, sobald ich aus dem Zug ausgestiegen war. Hut festhalten! Es war unmöglich, einen Stadtplan entfalten und betrachten zu wollen. auf der Hinfahrt hatte ich noch bedauert, einer ehemaligen Chorkollegin  aus Jena nicht Bescheid gesagt zu haben, dass ich nach Münster komme, sie stammt von dort. Und dann steht sie plötzlich neben mir, sagt „hallo“ und wir umarmen uns. Was für schöne Zufälle es doch gibt. 🙂 Ihre Freundin, die sie gleich treffen wolle, könne mir noch besser Wegauskunft geben. Und dank dieser netten Frau fand ich dann die Promenade, die sich wunderbar entlang radeln läßt. (Zitat der Zucchini Sistaz beim JazzFestival der TU Dortmund: „Ohne Fahrrad geht in Münster gar nichts. Deshalb haben wir uns auch ein Tandem angeschafft, unsere Instrumente drauf geladen und sind dan auf der A1 entlang gebraust.“ – Ich hatte so lachen müssen 😉 eine der besten , weil lustigsten Anmoderationen auf dem ganzen Festival! http://zucchinisistaz.de/ensemble/ ).

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Und nein, das ist keine Autostraße. DAS IST EIN FAHRRADWEG.

Die Prommenade in Münster.

 

Nach etwa 2 km ist man am Schloß. Eine unerwartete Biegung auf eine Straße, die sich als richtig erwies (aber falsch aussieht, wenn man den Weg nicht kennt), führt dann zum Schloßtor. Unterwegs trifft man auf das, was man leider in jeder traditionalen Universitätsstadt hat: das Haus von Pappnasen, die heute noch rumlaufen, als ob sie 1848 auf dem Gebiet, das heute Deutschland ist, leben würden. Außen an der Häuserwand prangt ein Wappen, meist mit weiß/farbigen Hintergrund (z. B. grün weiß) und einem Buchstaben in Kunstschrift mit Ausrufezeichen.Damals waren deren Ideen zu Recht hochmodern (gemeinsames Land statt Fleckerlteppich). Doch hallo Leute, die Zeit ist weitergelaufen! Heute im 20. und 21. Jahrhundert sind die Ideen dieser Gruppe reaktionär, chauvinistisch. Nein, eine moderne Gesellschaft braucht diese geschlossenen Männervereine nicht. Wer unsicher ist, orientiere sich doch bitte nicht an den  Ewig-Gestrigen! Gibt doch heute viele Möglichkeiten, im Gegensatz zu früher. Aber selber denken, ob das, was man macht richtig oder falsch sei oder was dazwischen, das  ist eben anstrengender als irgendjemand oder einer Ideologie nachzulaufen.

Der mistige Wind wehte mir den Hut einmal erfolgreich vom Kopf. Warum trägst du auch einen Hut beim Radeln? Ganz klar, weil der Filzstoff  am besten den Regen abhält! Außerdem ist man unter dem Hut nicht so naß wie oben drauf nach einiger Zeit des Tragens. Ich fand ihn wieder, er war nur auf dem Abhang neben der Promenade gelandet. Jetzt band ich das Band am Hut, das eigentlich den Hut am Kopf halten sollte, noch am Schal fest. Es funktionierte.

Der Eingang zum Schloß. Was macht man, wenn man kein Museum gestaltet? Richtig, man packt was öffentliches rein. In einer anderen Stadt ist das Amtsgericht im Schloß drin. In Münster ein Teil der Uni samt Botanischen Garten neben dran. Da fühl ich mich im Schloßgarten gleich noch mal wohler als Friedhofsgärtnerin.

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Im Hintergrund sieht man die Werbefahnen der Westfälischen Nachrichten und von Antenne Münster. Sie richteten heute das öffentliche Ostereiersuchen im Schloßpark aus. Schöne Idee. Ich machte mich auch auf die Suche.Allerdings fand ich kein einziges Ei. Ich fand nur leere Kuhlen und vor allem : Flaschen und anderen Müll.

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Alte Weinflasche am Spieß.

 

 

Es ging mehreren Leuten so, für Kinder eine noch wesentlich größere Enttäuschung, dann doch nichts zu finden außer eben Müll. Leider gab es auch immer wieder dieses Bild:

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Ein abgebissenes Stück Ei, wieder hingeworfen. Das ist unfair gegenüber den anderen Sucher_innen! Es kann zwei Ursachen haben, warum Leute, die nicht ganz pünktlich im Schloßpark waren, keine Eier mehr finden konnten: entweder die Menschen haben sich nicht an die Regeln gehalten (nur 5 Stück Eier pro Person) oder es waren zuviele Leute für die Anzahl von Eiern im Park.  Nach ca. 30 Minuten gab ich auf und machte erst mal Mittag. Noch konnte man draußen sitzen….

 

 

 

 

Was ich zu meiner Überraschung auch gefunden habe: einen blühenden Rhododendron mit weiß-rosa Blüten. Und das am Ostermontag den 28. März 2016. Unglaublich. In der Ausbildung hatten wir noch gelernt, dass die Blütezeit des Rhododendron im Mai bis Juni ist (Foto leider etwas zu hell für die Blütenfarbe).

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Außerdem gefunden: einen weißen Wollhandschuh – direkt vor dem Schloß.

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Münster besteht nicht nur aus dem Schloßpark. Einfach mal durch die Stadt fahren, hier und da was fotografieren… das reichte mir heute schon. Entspannt durch die Stadt streifen, statt angestrengt dem nächsten Erlebnis nacheilen. Kein Familienstreß. Wie angenehm.

Woran merkt man, dass man in einer Unistadt ist? Nicht nur an den Schildern, auf denen die Namen der Institute stehen. in der Frauengasse reihen sich Kopierläden neben bezahlbaren Cafés. Hm, schade, ich ging dann doch nicht ins „Malik“ , weil ich vorher, vom Schloßpark kommend, durch die Stadt streifen wollte (aber Münster ist mehr als nur diesen Besuch wert).

 

 

Was ich auf jeden Fall finden wollte: das Antiquariat, das dem Film-Privatdedektiv Wilsberg (gespielt von Leonard Landsink) gehört. Die Freundin von meiner ehem. Chorkollegin L. hate mir einen Tip gegeben gehabt: es sei in der Nähe der Überwasserkirche. Das ist die „kopflose“ Kirche, also ein Kirchturm ohne Haube, bei der sollte es sein…und ich hab es gefunden. Yeah!

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Die Krimi-Serie „Wilsberg“ beim ZDF:   http://www.zdf.de/wilsberg/wilsberg-6031218.html

 

 

 

 

 

 

In jeder katholisch geprägten Stadt kann es nicht genug Kirchen geben. Der Dom (zwei dicke Türme statt verschnörkselte Fassade, also spätromanisch) für den Bischof, für die niedereren Bürger die anderen Kirchen. Ach ja, die Madame, nach der die kopflose Kirche benannt ist, kennt man auch.

 

 

 

 

 

Grade als es zu Regnen anfing, war ich woanders und geschafft, so dass ich ins nächstgelegene hineinging, eine der Bäckereien, die offen hatten. Kaum war ich fertig mit meiner Bestellung, stand eine lange Schlange an der Theke. Fast hätte ich das Rad des einen Kunden mal schnell weggeschoben. Der Typ hat doch sein Rad nicht abgesperrt und geht dann seelenruhig in den Laden rein. Meine Güte!  Das schreit nach Diebstahl! Ich hätt es nur nehmen müssen… und schwupp! – weg wär´s gewesen.

Es tat gut, warmen Kaffee zu trinken und den Hunger nach Süßem zu stillen. Zuhaus hatte ich den Rest des eigenen Kuchens vergessen.

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Ein riesen Stück ist das (mind. 25 cm lang). Ob die Teller speziell dafür gemacht wurden? 😉

 

 

 

 

 

 

In der Altstadt bei u. a. dem Rathaus und der Lamberti-Kirche: Gothik pur

 

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Lamberti-Kirche
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Die Kirche für den Bürger.

 

 

 

 

 

 

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.Ah, das Rathaus ist mir leider durch die Lappen gegangen.

Ein paar interessante Dinge hierzu: im Rathaus gibt es den Friedenssaal, in dem die Friedensverhandlungen nach dem 30jährigen Krieg stattfanden. 1648 wurde im neutralen Münster der Westfälische Frieden unterzeichnet (Parteien: Spanien (katholisch( und Niederlande (protestantisch). Es ist kaum anzunehmen, dass es um den „rechten Glauben“ ging, sondern nur um Macht mit der Religion als Ausrede, Land und Menschen zu verwüsten. Im Friedenssaal sollen auch die Bildnisse der Verhandlungspartner hängen, u. a. Ludwig XIV., Kaiser Ferdinand III. und der spanische König Philip IV.Mir war heute nicht nach Museumsbesuch, werde das aber bei Gelegenheit nachholen.

 

 

 

 

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Der Wind, der Wind, das himmlische Kind.

 

 

 

 

 

Ich wunderte mich, ob an dieser Stelle vor der Lamberti-Kirche wohl Fahrrad-Anhänger geliehen werden könnten…. der große Kasten „domicil“ gehört dem Restaurant oder eben dem, was „domicil“ in Münster ist. Aber die anderen Fahrzeuge – was ist das? Im Rahmen des Projektes „Skulpturen“ gibt es u. a. dieses Kunstwerk hier, das auf den ersten Blick nicht wie ein Kunstwerk aussieht. (Mein Rad in der Mitte gehört NICHT dazu 🙂 Nicht in Ordnung, dass  in den Anhänger (rechts), der Teil des Kunstwerks ist, Müll geworfen wird.

 

 

 

 

 

 

Ein seltsames Gefährt, das Tourist_innen auf Wunsch und gegen Bezahlung am Prinzipalmarkt herumfährt. Na, sind die Pferde wohl ausgerissen? 😀

 

Der „Kiepenkerl“ samt Wirtschaft dazu.

 

 

Hach, man könnt fast meinen, man sei in Amsterdam….

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Für Freundinnen und Freunde des besonderen Geschmacks bei… Radreifen-Farben. *hust*

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In Wirklichkeit sind die Reifen noch viel knalliger.

 

 

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Wieviel Zimmer wohl das Schloß haben mag?

 

 

 

 

 

 

 

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Etwas angerostet, aber so vom Stil her wären das auch meine Gartenlampen.

 

 

 

 

Für jemanden, die im Mittelgebirge aufgewachsen und mit geographischen Höhen bis mind. 600 m NN. geplagt wurde, ist das hier richtig putzig. WO ist der Berg in der Bergstraße? HIhihi, hahaha! ;-))

 

 

 

 

 

 

Auf dem Rückweg

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Die Boote und der Steg träumen noch vom Sommer…

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Eine Formationsanpflanzung mit dem Schriftzug „Münster bekennt Farbe.“ Allerdings haben sich die gepflanzten Narzissen nciht ganz an die Vereinbarung zum zeitgleichen Blühen gehalten…

 

 

Vor der Abfahrt zurück nach D. hatte ich noch Zeit und sah mich am Hauptbahnhof angekommen etwas um. eine Radstation… mit Bewachung und Reparaturservice. Wow. Wäre doch toll, wenn es das in mehreren Städten gäbe! Autohäuser und Parkhäuser gibt es schon genug!

…sogar mit Waschanlage!

 

 

 

 

Als ich auf den Bahnsteig kam, schien die Sonne. Gleichzeitig fing es zu regnen an. Aprilwetter im März. Haha…. und dann, plötzlich:

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Ade Münster… und bis bald! 🙂

„Ich bin da! Ich bin IMMER da!“ – das „Musical „Next to normal“ am Theater Dortmund

Nichts ist so, wie man denkt. Das scheinbar intakte Familienleben ist getrübt wie eine nicht ganz saubere Fensterscheibe. Warum, das ist schon zu Beginn klar, der Inhalt des Stücks behandelt die Art und Weise des Umgangs mit dieser ‚Trübnis.‘

„Next to normal“, das „Rock-Musical von Tom Kitt und Brian Yorkey hat in seiner Heimat USA schon einige Preise einfahren können. Es mag wohl an der Ungewöhnlichkeit des Stoffs liegen, der da in ein „Musical“ gepackt wurde: keine seichten Schmalz-/Liebesgeschichten mit tragischem Ausgang, wenig Komik. Stattdessen: das Thema „bipolare Störung“, also eine Art der Depression, die eine der Hauptfiguren seit 16 Jahren plagen. Mutter Diana ist die psychisch Kranke und „Next to normal“ macht klar, wie das die Familie (ihr Mann Dan, ihre Tochter Natalie und später deren Freund Henry) verkraften muß.

Kann das funktionieren?

In Anbetracht der vielen Preise mag man denken: ja, ein Tabuthema in Musical zu packen, das funktioniert. Die Idee ist nicht schlecht, weil mit dieser Musikform ein schwieriges Thema, das  jede(n) betreffen kann, jenseits vom Ratgebergesülze an die Öffentlichkeit kommt. Die totale Begeisterung für „Next to normal“ teile ich aber nicht. Das Stück hat Längen, der Text ist meist schlecht verständlich.Oft läuft der Gesang Gefahr, ins Rührselige abzudriften; so kurz davor ist dann immer Schluß. Ha, grade noch die Kurve gekriegt!  Und es ist ’sehr amerikanisch.‘ Nur gut, dass das Ende weder gut noch schlecht ist – das sichert dem Stück dann doch eine gewisse Ernsthaftigkeit.

„Next to normal“, das ist nicht nur ein Stück über Depression und die Folgen für die Umwelt, es ist auch ein Stück über Leistungsdruck und Medikamentenmißbrauch. Darüber, wie irrsinnig es ist zu glauben, mit der Einnahme von Pillen alle Krankheiten, auch psychische, komplett beseitigen zu können. Weit gefehlt.  Bestenfalls in den Griff kann man Krankheiten bekommen. Doch in den USA (und auch in Europa) darf man das nicht so laut sagen, weil die scheinbar allmächtige Pharma-Lobby sonst die Theatermacher bedroht. Denn es geht weniger um das Wohl des/der Patient-/in, sondern ums Geld.  Und „Next to Normal ist  ein Stück über das Erwachsenwerden in einer schwierigen Familiensituation, die einen ankotzt, die einen als Tochter belastet, mit der das eigene Umfeld außerhalb der Familie (in diesem Fall: Schule) nicht umzugehen weiß und eine Situation für die man sich als Tochter  auch schämt, erst recht dem Schulkollegen Henry  gegenüber, der trotz allem seine freundlichen Avanchen startet.

Auf der Bühne sieht man eine Art Gerüst, das aussieht wie zwei offene Stockwerke des Hauses der Familie Goodman (welch ein Name. Er soll wohl die scheinbar heile Familie suggerieren: hier ist alles gut und in Ordnung). Die Sänger und Sängerinnen laufen über eine Treppe rauf und runter, unten steht ein Tisch, an dem zeitweise gegessen wird, ein Kühlschrank,  der Raum oben rechts dient auch mal als Klavierüberaum oder Schul-Aula für´s Klaviervorspiel. Auch mit sporadischer Bühnenausstattung ist die Zuschauerin immer im Bilde, was gerade gespielt wird.

Da der Originaltext in englisch gehalten ist drängt sich die Frage auf, was die Übersetzung ins Deutsche taugt. Dies kann hier nicht bewertet werden.

Der Ehemann Dan  (Rob Fowler) ist bereit, vieles, wenn nicht alles mögliche zu tun für seine kranke Frau Diana (Maya Hakvoort). Wenigstens hat Diana kapiert, dass sie Hilfe braucht (das ist bei Depressiven nicht immer der Fall). Die Odysee von Arzt zu Arzt (seltsam, dass hier von Anfang an nicht von „Psychologe“ oder nur „Therapeut“ gesprochen wird) zehrt an den Nerven. Schön lächerlich, wie Arzt Nr. 1 seiner Patientin minutiös sagt, welche Pillen sie mit welchen nehmen soll und welche nicht und wann. Auch wenn diese Medikamente nötig und richtig sind. Mediziner_innenkauderwelsch, das keine(r) braucht und keine(r) versteht. Richtig, die Ärzteschaft so zu karikieren, wenn sie nur auf naturwissenschaftlicher Ebene agieren, statt auch auf den Menschen einzugehen. Diana scheint „stabil“ zu sein mit den Medikamenten, für die Umwelt erträglicher. Aber sie ist wohl nicht mehr sie selbst, meint sie.  Eigenmächtig setzt sie dann plötzlich alle Pillen ab. Das belastet natürlich wieder die Familie mehr.

Möglicherweise ist das in den USA anders geregelt als in Deutschland. Hier gibt es Psychiater-/innen und Psycholog-/innen und Psychotherapeut-/innen. Letztere können auch Medizin studiert haben und verschreiben dann auch Medikamente. Zuerst ist aber immer die Psychologie ohne den Tablettenkram dran – sollte man meinen. Doch bei einer manischen Depression, wie sie die Figur Diana hat, hilft eine Psychotherapie, also Gespräche allein nicht, da muß auch eine Medikamentation sein.

Arzt oder Therapeut Nr. 2 im häßlichen dunkelbraun-grauen Anzug statt Arztkittel (wohl im Stile der 1930er Jahre etwa) ist da schon besser, weil nicht nur an Fakten und nüchterner Beurteilung des Krankheitszustandes interessiert.  Er dokumentiert nicht nur, als ob es sich um ein totes Tier handelt, das begutachtet und dann im Museum ausgestellt wird, er redet erst mal mit der Patientin Diana. Dan ihr Ehemann hat wieder Hoffnung, dass es besser wird mit der Depression (verschwinden wird diese niemals). Gleichzeitig werden auch überzogene Erwartungen an den Arzt deutlich: Zu einer Art Rockfanafare (die Band spielt hinter dem Haus-Gerüst auf der Bühne) kniet er plötzlich vor Diana und „betet sie an.“ Das müssen Dianas Gedanken sein, sie sieht die im Arzt die Lichtgestalt, den Befreier von all ihren Problemen. Später im Stück sagt sie mal „Sie sind kein Rockstar mehr für mich“ , was der Arzt nüchtern und mit einem Nicken kommentiert. Therapeuten und Ärzte sind keine Götter. Auch wenn es auf Patienten- und Arztseite immer noch solche Deppen gibt, die das denken.  Es wird nur kurzzeitig ‚besser‘ mit Diana. Was schockierend ist: es gibt immer noch die Elektroschock-Behandlung, wenn auch mit geringen Stromstößen. Das soll die schlechten Erinnerungen auslöschen. Allerdings wird in Dianas Gehirn mehr gelöscht bzw. das falsche gelöscht, was sie besser behalten hätte. Schön dumm und hilflos, wer solch eine Methode anwendet! Bei aller Verzweiflung, aber das ist abartig! Das ist Körperverletzung.

Wie groß muß die Ratlosigkeit von denen sein, die Depressionskranke behandeln, dass sie EKT anwenden. Als ob man im Dunkeln stochern würde, dass man das kranke Stück findet und rausholen kann. Nur so einfach ist es eben nicht.

Diana benimmt sich nach dieser Behandlung fast wie eine Demenzkranke, sie kann nicht mal mehr ihren Mann erkennen. Das ist schockierend, genau wie die Behandlungszene selbst. Mit Fotos sollen die wichtigen Erinnerungen wieder hergestellt werden. Na danke auch! Wieder so eine hilflose Geste des Arztes. Die Tochter Natalie wird zu Recht noch wütender, weil ihre Mutter sie nicht erkennt. Schon immer fühlt sie sich von ihrer Mutter vernachlässigt. „immer geht es nur um dich!“ wirft Natalie ihrer Mutter vor.

Eltern sind immer peinlich, vor allem wenn man selbst Teenager ist. Eine an manischer Depression erkrankte Mutter ist noch peinlicher, als Zuschauerin kann man durchaus Mitgefühl für die Figur der Tochter Natalie haben. So ist ihre Mutter bei einem Schwimmwettbewerb der Schule einfach ins Becken gesprungen, beim Klaviervorspiel nicht aufgetaucht, was die Tochter gekränkt hat. Die einzig beständige Figur in dem ganzen Drama ist ausgerechnet ihr Freund Henry, der sie nach dem verpatzten Vorspiel abholt (wie gut, Trost zu haben in dieser Situation!) Zwar ist es er, der Natalie das erste Mal einen Bong zeigt und Drogen inhaliert mit ihr, doch gleichzeitig macht er sie auch auf ihren eigenen Medikamentenmißbrauch aufmerksam. Der Leistungsdruck in der Schule muß enorm sein, wenn Natalie nachts noch das so grausige RedBull trinken muß, um Hausaufgaben zu machen. Da will man doch auch mal feiern gehen! Kurzerhand wurde der Medikamentenschrank der Eltern, v.a. der der Mutter eben geplündert, um die Nächte durchfeiern zu können. Henry ist es, der die am Ende völlig kaputte Natalie aus mehreren Clubs rausholt. Oh Mädel… du kannst einem leid tun und irgendwie versteht man dich auch….

 

„Ich bin da, ich bin immer da!“

Klingt schön der Satz, nicht? So verläßlich, so vertrauenserweckend. Man muß keine Angst vorm Alleinsein haben (das hat Dan, der Ehemann von Diana, wie er einmal bekennt, er hängt trotz aller Schwierigkeiten an seiner Frau Diana). Beim Konzert des Unichores gab es einen Popsong „I´ll be there.“ Die Aussage dieses Satzes ist aber zweideutig. Und die zweite Bedeutung ist eine negative. Die negative Bedeutung heißt: es werden Besitzansprüche angemeldet („du gehörst zu mir und hast hier bei mir zu bleiben“),  man will nicht loslassen. Das Gefühl des Geborgenseins weicht dem Gefühl des Bedrückt-/Erdrücktseins durch den oder die, die man eigentlich liebt.

Sehr bald wird in „Next to normal“ klar, warum Diana so depressiv ist: sie hat den frühen Tod des Sohnes nicht überwunden. Bald wird auch ungefähr klar, warum der 8 Monate alte Säugling sterben mußte – aber man erfährt erst gegen Ende des Stücks seinen Namen. Der tote Sohn ist jedoch ständig präsent. Als vielleicht 16jähriger Teenager schwirrt er in der Wohnung herum, streitet sich mit seiner Mutter, ob er heute ausgehen darf (Teenie-Probleme eben, ganz normal), penetrant und fast schon unerträglich tanzt und singt er an mehreren Stellen laut „ich bin da, ich bin immer da!“ Diana schafft es  nicht, ihn loszulassen. Unverarbeitete Trauer. Allerdings: warum macht Dan, dem Vater der Verlust des Sohnes -scheinbar – nichts mehr aus? Warum ist gerade die Mutter Diana so fertig? Diese Fragen bleiben leider unbeantwortet. Natalie bleibt außen vor, sie hatte gar keine Möglichkeit gehabt, ihren Bruder kennenzulernen.

Keine Frage, es ist gruselig, was Diana , die an der „bipolaren Störung“ leidet,  tut. Hochstimmung und Überdreht-Sein wechselt mit Niedergeschlagenheit. Da wird ein Geburtstagskuchen mit vielen Kerzen serviert, der für den -eigentlich toten – Sohn ist. Noch peinlicher ist dies, weil Henry mit am Tisch sitzt, der dies aber offensichtlich mit Gelassenheit quittiert  (die Berufsfeuerwehr hatte bestimmt ihren „Spaß“, so oft wie in diesem Stück offenes Feuer auf der Bühne ist). Eine euphorische Stimmung mit höchster Aktivität folgt völliger Niedergeschlagenheit , wenn Diana nur noch auf dem Sofa sitzt. Das Problem für die Angehörigen ist ähnlich dem bei Demenzkranken: man weiß, dass sie „nicht schuld“ sind, man will ihnen helfen – und gleichzeitig schwindet mit jedem Tag die eigene Kraft, die Krankheit der/des anderen auszuhalten.

Wer als Zuschauerin jemanden kennt, die oder der ähnliche Symptome, also Verhaltensweisen wie die Figur Diana Goodman hat wird jedoch weniger geschockt das Opernhaus verlassen. Bei allem gebotenen Mitgefühl oder Verständnis muß man sich auch selbst schützen, sonst geht man zusammen mit der kranken Person kaputt.

Das Ende bleibt offen – was der Authentizität und Ernsthaftigkeit des Stückes gut tut. Natalie hat sich wohl gegen ihren Verstand durchgerungen und „ja“ zu Henry gesagt. Er verspricht ihr, dass er für sie da sein wird (wie lange wird er die Situation aushalten?)Dennoch, irgendwie süß die beiden…. Man wünscht Ihnen sehr, dass sie beide nicht in die Situation von Natalies Eltern geraten mögen und ihre Beziehung gelingt.

Der Leistung im Spiel und Gesang ist Achtung zu geben, ob man jedoch -wie es fast alle Zuschauer-/innen taten – am Ende standing ovations geben muß, bleibt fraglich. Schlechtes Textverständnis, teilweise Längen im Stück machen „Next to normal“ zu einem guten, aber nicht zu einem großartigen Musiktheater.

Seltsam, in der Pause sah man mehrere knutschende Pärchen. Das lag wohl daran, dass mehr junge Leute im Opernhaus waren. (Was nicht heißen soll, dass  ältere Menschen in der Öffentlichkeit nicht knutschen dürften). Das halbe Parkett war leer, auch die Empore und die Logen waren nicht voll besetzt. Nun, auch schön, so findet man schneller ein Garderobenfach und muß an der Toilette nicht so lange anstehen.

„Next to Normal“, Rock-Musical von Tom Kitt und Brian Yorkey

am Opernhaus Dortmund

Nächste Termine: 2./8./10./13./21./19. April und auch im Mail 2016

http://www.theaterdo.de/detail/event/16166/

 

 

Zum Bahnhof, zum Bahnhof!

 

Eher von der Uni weg, das war etwas Streß, um den RE4 Richtung Wuppertal und Aachen zu bekommen. Aber es hat sich sehr gelohnt, diese Mühe. Und so flott ist man vom Bahnhof in Hagen aus beim Theater, das erleichtert vieles. Die Fahrerei in Weimar oder nach Gera war wesentlich aufwendiger und mühsamer gewesen.

Der Hagener „Hauptbahnhof“ war doch größer, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Ich hatte ein paar wenige Gleise und einen kleinen Bahnhof wie in Witten erwartet. Doch hier spannte sie ein weiter großer Bogen aus Stahlträgern mit Glas über ca. 15 Gleise (wieso nach Gleis 15 das Gleis 18 folgt, diese Logik können nur Bahnmenschen begreifen). Der Stadtplan im Schaukasten auf dem großen Vorplatz ist aussagekräftig, aber leider wieder „verkehrtherum.“ Links oder rechts, um dann zum Theater abzubiegen? Ich war unsicher. Ah, da fährt doch was auf einem Rad mit Kasten am Rücken. Das ist bestimmt ein Musiker! Ich hielt ebenfalls an der Ampel und sprach ihn an und – bingo! Er war einer der Orchestermusiker des Abends – ein Fagott steckte im Kasten. Juhuu! So fand ich sogar noch mit einem freundlichen Plausch und dazu auf komfortable Weise den Weg zum Theater Hagen.

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Auf den ersten Blick eher an ein Kino erinnernd: eine Teilansicht des Theater Hagen.

 

An diesem Abend im März 2016 stand JONNY SPIELT AUF von Ernst Krenek auf dem Spielplan.Sie wird oft auch als „Jazzoper“ bezeichnet, wobei kaum Jazz zu hören ist. „Jonny spielt auf“ ist eine „Zeitoper“, weil sie Alltagsgeschichten aus eben der Entstehungszeit des Werkes behandelt (Uraufführung am 10.Januar 1927). Hier geht es nicht um Mythen aus grauer Vorzeit wie bei „Rinaldo“ (Kritik zur Aufführung am Theater Dortmund: https://fahrrad3gruen.wordpress.com/2016/02/07/was-man-mit-aktenkoffern-so-alles-machen-kann/ ) oder Richard Wagners „Nibelungen“, sehr wohl aber um das neue und alte, was die Menschen bewegt. Da ist Max, der Komponist, der in einer Schaffenskrise steckt. Im Hotelzimmer sitzt er oft am Flügel, einige Notenhefte und Papier um sich und kommt nicht weiter mit der Arbeit. Eine Oper hatte er schon geschrieben, die ist auch gut gelaufen, aber wie es jetzt weitergeht, das macht ihn unsicher. (Möglich, dass es Krenek ähnlich ging).  Er macht das, was er immer macht, wenn er schlechte Laune hat: er geht auf den Gletscher, hinaus in die Natur, die das Hotel umgibt. Hier erhofft er sich neue Inspiration. Der „Gletscher“, das ist nicht nur eine weiße unebene Felswand, das sind auch Türme und Haufen von Büchern und Notenstapeln, auf die Max (und Anita) klettern.  Hier draußen ist Ruhe, Beständigkeit, das Alte, das schon war und sein wird… und auch Leben, so wie das Wasser  im Gletscher rauscht. Max begegnet der Opernsängerin Anita, die sich verlaufen hat und im Gletscher nur den Tod sieht… sie gehen zurück ins Hotel und werden ein Paar. (Huch, das ging aber schnell).

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Der Gletscher aus Eis und Büchern: Zufluchtsort für Komponist Max, unheimlich für Sängerin Anita. Mit freundlicher Genehmigung des Theaters Hagen, Foto: Klaus Lefebvre

 

Na die Geschichte geht aber weiter jetzt…..und so ‚harmonisch‘ bleibt es nicht…) Bei der Begegnung von Max und Anita wird die Musik tänzerisch, fast witzig, nicht mehr so grell und schwer und voller großer Tonsprünge jeinseits von der Terz.

Die Unsicherheit der sich Begegnenden macht sich in der Musik bemerkbar: der Gesang klingt anfangs gestelzt, eine Art „möchte-gern-schön-klingen“, was aber aufgrund der Dissonanzen nicht „schön“ klingt. Anfangs braucht es Zeit, bis man sich in diese Musik reingehört hat: laut und schrill ist sie, es gibt keine Wiederholungen wie in der Barockoper, keine Ohrwürmer. Dafür größere Tonsprünge (z. B. Quarten oder Quinten), nur in den ruhigeren Momenten der schönen Zweisamkeit fühlt man sich an Liebesduette z. B.  in Richard STrauss` Oper „Der Rosenkavalier“ erinnert.

Nächste Szene: Hotelzimmer, jetzt mit Anita. Links im Bild steht ein Doppelbett, die Rückwand der Gletscherszene auf der Drehbühne dient als Zimmerwand, davor stehen 3 Steinstatuen, die etwas deplaziert wirken. Wieder vertieft sich Max in seine Arbeit, lehnt eine Umarmung von Anita ab. „Du bist ein Gletschermensch, du nimmst alles zu ernst“ singt sie. Max steht für das, was schon war, hat die Last der Tradition in sich. Anita ist da freier und ungebundener: sie freut sich auf das Engagement in Paris, während Max über ihr Weggehen klagt (Mensch Junge, jetzt stell dich doch nicht so an, sie kommt doch wieder! – das dachte ich mir….naja, frisch verliebt ist es vielleicht noch schwerer, auch mal adé zu sagen für eine gewisse Zeit…)

Um die einzelnen Orte und Zeitabschnitte der Handlung – Hotel am Gletscher – Hotel in Paris – Bahnhof – Hafen deutlich zu machen, geht zwischen den Szenen der Vorhang runter, auf dessen schwarze Fläche dann der jeweilige Ort oder die Zeit z. B. „am Abend vorher“ eingeblendet wird. Dies irritiert nicht einmal, sondern wird von Jan Bammes u. a. (Bühnenbild und Kostüme) geschickt in die Handlung integriert. So warten vor dem schwarzen Vorhang die Partygäste des Hotels, die aus den eigentlichen Logenplätzen links und rechts auf die Bühne strömen, um in den Tanzsaal gelassen zu werden. Und hey! -wir sind in Paris, und da geht´s richtig ab! 3 Nachtclub-Tänzerinnen unterhalten die Gäste, die dann selbst zu tanzen anfangen. Glitzer und Glamour gibt es hier: Jonny der berühmte Jazzmusiker kommt von oben mit dem Saxophon heruntergeschwebt, eine Discokugel dreht sich. Und da sind die illustren Gäste: Anita, die gerade müde von einem erfolgreichen Opernauftritt zurück kommt, der berühmte Violinvirtuose Daniello, der seine Groupies um sich versammelt. Jede(r) will ein Autogramm von ihm. Als die Party vorüber ist, versucht Jonny sich, an Anita ranzumachen. Aber seine massive Annäherung, die man durchaus sexuelle Belästung nennen kann, fruchtet nicht. Jonny, das ist eine freche, lustige und auch rücksichtslose Figur, die sich eben nimmt, was ihr gefällt. Nicht wirklich böse, aber eben ein Gauner. Daniello (der mich, obwohl älter, dennoch wegen seines Star-Kults an David Garrett erinnerte) mag dagegen bieder wirken, aber man bemerke: bei aller vermeintlichen Langeweile kommt seine langsamere, vornehmere freundliche Anmache bei Anita besser an. Jonny ist dagegen ein Hitzkopf, auf sowas steht eben doch nicht jede…

Doch Jonny ist eine Frohnatur, nimmt im Gegensatz zu Max oder Daniello nicht alles so ernst… dann wird eben wieder mit der eigentlichen? Freundin Yvonne, dem Zimmermädchen, rumgemacht. Vorbeiziehende Hotelgäste stören sich an seinen Intimitäten mit Yvonne – und das, obwohl sie vorher begeistert den Nachtclubtänzerinnen zugesehen, diese auch mal angefaßt und ihnen Geld zugesteckt haben. ein schöner Widerspruch in einer vergnügungssüchtigen Gesellschaft.

 

Anita gefällt Paris, die Stadt macht sie aber auch unsicher….ständig will jemand was von ihr, sie kann sich nie zurückziehen. dennoch läßt sich Daniello zu sich ins Zimmer. Ha, das ist Jonnys Chance! Wenn er nicht die Frau haben kann dann doch das, was Daniello so berühmt macht. Er entwendet die berühmte Armati-Geige aus dem Zimmer Daniellos.

Technisch wurde die Hotelzimmer-Szene gut gelöst: Auf einer Art Podest ist ein goldener Vorhang gespannt, der sowohl als Party-Tanzsaal-Hintergrund wie als Zugang zu den Hotelzimmern dient. Die Türen werden durch Einblendung der Zimmernummern angedeutet. Eine verschiebbare Treppe ergibt den Zugang zu den jeweiligen Zimmer, erinnert aber auch an eine Art Showtreppe, die zu glamourösen Stars gehört.

Am Morgen muß der Star-Geiger Daniello einsehen, dass die Beziehung zu Anita nicht von Dauer ist. Sein lautes Klagen beantwortet Anita damit, dass man eben den Augenblick leben solle.Es geht weiter, das Leben und das in immer größerer Geschwindigkeit! The roaring Twenties, die wilden Zwanziger, in der diese Oper spielt, spiegeln diese immer schnellere Leben mit flüchtigen Augenblicken: da wird davon gesprochen, mit dem Auto angekommen zu sein oder in 10 Minuten am Bahnhof sein zu müssen.Ein Telefon, ein damals außergewöhnliches Gerät macht es möglich, sofort mit einer entfernten Person zu sprechen. Es bleibt bis heute eine Herausforderung, eine Autofahrt oder einen fahrenden oder anhaltenden Zug auf der Bühne darzustellen. Wenn aber das Bühnenbild in den 1920er Jahren spielen und diese – in der Zeit als Novum befindlichen – Dinge wie „Automobil“ oder „Telefon“ herausstellen soll erscheint es eigenartig, dass vorbeiziehende Hotelgäste den Stargeiger Daniello mit der Handykamera fotografieren müssen. Denn an mobile Telefone dachte in den 1920er Jahren noch niemand, es war ein technisches Novum, überhaupt telefonieren zu können.

Als Daniello den Verlust der Geige bemerkt, hört man die Piccolo-Flöte wild pfeifen. Er beschuldigt Anita, die Geige „weggehext“ zu haben, um ihn zu ärgern. Er muß sich an dem Komponisten rächen! Stampfende Trompeten-/Posaunentöne begleiten seine Rachpläne. Unisono mit der Trompete fragt Daniello sich: „Aber wie?“ toll, wie die Musik immer wieder die Stimmungen auffängt.

Menschenauflauf auf der Bühne: genervte Hotelgäste reisen ab, der Hoteldirektor ist verzweifelt, die Polizei in Trencoat-Mänteln kommt, um den Diebstahl zu begutachten, Jonny sagt dem Hoteldirektor, dass er kündigen wolle. Anita engagiert die vom Direktor gekündigte Yvonne als Zofe, dsie soll schuld am Geigendiebstahl sein.

Dann ist erst mal Pause – und die braucht man auch bei der Wucht dieser Musik mit ihren vielen Quint- und Quartsprüngen und plötzlichen Stimmungsschwankungen. Es verwundert nicht, dass die Nazis damals das Stück nicht haben wollten. Kein vermeintlicher Wohlklang, keine „schönen Terzen“ und dazu der „böse“ Jazz aus dem verfeindeten Amerika. Das geht mal gar nicht auf deutschem Gebiet in den 1930er und 1940er Jahren.

 

Hotelzimmer von dem Komponisten Max. Bemerkenswert ist bei einer „Zeitoper“, dass die Figuren nie zuhause sind, nie an einem Ort, wo sie sich aufgehoben fühlen könnten. Unruhig und rastlos sind sie und immer an Orten, die eigentlich nur Durchgangsorte sind: Hotelzimmer, Hotellobbys, Bahnhöfe (und wie in „Rinaldo“ : Flughäfen. Aber mit der Fliegerei geht es in den 1930er Jahren erst richtig los).

Das Telegram von Anita trifft ein. Doch sie kommt nicht. Max ist rastlos, singt zu unruhigen Baßtönen und Trompeten, sein Herz solle sich doch beruhigen. Der Mann muß richtig dicke verliebt sein. Auch Besitzstandsdenken ist wohl mit dabei… Der Gesang von Max gleicht einer Achterbahnfahrt, sie möge doch Gnade haben, sein Leben läge in ihrer Hand. wäre die Musik nicht so schräg (Tonsprünge von der Höhe plötzlich ohne Zwischentöne in die Tiefe und umgekehrt), könnte die stimmung leicht ins Rührselige abgleiten. Doch Krenek versteht es, die Spannung zu halten und das Seelenleben seiner Figuren ans (Bühnen-)licht zu bringen.

Selbst die einzelnen Zeiträume, die es bis zur Ankunft Anitas noch dauert, werden besungen: „noch 1 Minute“, dazu das pizzicato der Streicher gleich dem Ticken einer Uhr.Ein plötzlicher einzelner Schlag des Xylophons beendet diesen gewarteten Zeitraum voller banger Stimmung. Dann wieder lautes Aufschrecken: „war da ein Automobil?“ er horcht nach draußen. Nein doch nicht…erst nach einer durchwachten Nacht taucht Anita auf.

So richtig Freude kommt bei ihrer Ankunft nicht auf… und dann ist da noch der Ring Anitas, den Daniello an Yvonne gegeben hat, den soll sie Max geben. Max wird klar, dass Anita ihm untreu war. Er meint, dass alles am Ende sei und geht wieder hinaus auf den Gletscher, diesmal mit einem Revolver und ruft, dass er in die Ewigkeit des Gletschers eingehen, „heimgehen“ wolle, hier sei doch alles zu Ende. („Wer ruft?“  tönt es aus der Tiefe. – „ein armer Mensch, der heim will.“)Doch der Chor, verborgen, fast mysthisch aus dem Eis , aus großer Tiefe klingend antwortet ihm: „wer stört unsere Ruh, glücklos und leidlos wie wir gehen vom Himmel in die Erde.“ Hier fühlt man sich in Inhalt und Sprache  an die mysthischen Geschichten in z. B. den Nibelungen erinnert, auch der Chorgesang läßt die Musik Richard Wagners zumindest erahnen. Der Chor aus der Tiefe lehnt ab: „du kannst nicht bei uns sein, Du bist ein Mensch und mußt leben. Gefrevelt deinem Menschsein wäre es.“

Jazzartige Musik kündigt die Ankunft von Jonny an. Er ist der Opernsängerin Anita gefolgt, denn er will die Geige haben, die A. unwissentlich mitgenommen hat. Schillernd im goldfarbenen Mantel mit goldenen Schuhen und seinen Ganovinnen (die Tänzerinnen) taucht er plötzlich im Hotelzimmer auf. Und er findet sie.

„Zum Bahnhof, zum Bahnhof!“ – in der Schlußszene wollen alle zum Bahnhof. Anita hat ein Engagement in den USA bekommen! Wie aufregend! Max ist leider verhaftet worden, er soll die Geige gestohlen haben. Jonny ist eben ein Gauner, der frech und geschickt ist und seine Verfolger abgeschüttelt hat. Anita, Yvonne und der Manager warten ungeduldig am Bahnsteig, ob Max nun doch kommt. einzelne Videoeinblendungen mit Zifferblättern, auf denen die Zeiger den Verlauf der Zeit anzeigen, werden eingeblendet. Die Zeit rast und mit ihr das Leben.

Der „Bahnhof“, das sind einzelne Quader, die hochkant auf der Bühne herumstehen und wie Wartehäuschen wirken: Fahrgäste sitzen oder stehen davor, rauchen, lesen Zeitung, warten mit einer Rose in Papier verpackt für eine Verabredung, schminken sich. Immer wieder sind dann auch mal wieder viele Leute auf der Bühne, die ankommenden oder abreisenden Fahrgäste mit Koffern und Taschen in der Hand. Das kommt schon rüber, allerdings hätte man sich doch, da doch ständig von der „immer noch zu langsamen Eisenbahn“ die Rede ist, zumindest ein Bild einer Dampflok mit Waggons im Hintergrund gewünscht. Die Autofahrt, als Max festgenommen wurde, wird auch deutlich mit dem schattenhaften Video einer Nachtfahrt im Hintegrund gezeigt, während die Personen im „Auto“, einem Kasten mit Scheinwerfern vorne dran sitzen und die Fahrbewegungen nachahmen. Den Pfiff einer Lokomotive oder einer Polizistenpfeife hatte man zumindest gehört.

Und dann sind sie doch angekommen: mit dem Zug in Amsterdam. Die einzelnen Quader sind nun in einer Reihe aufgestellt, die nun eine Reeling eines Schiffes nach Amerika ist. LIBERTY steht in großen Lettern auf der „Schiffswand.“ Alle feiern, Jonny spielt auf, geschickt hat er die Polizei abgehängt, es geht in das unbekannte Land der Freiheit, in das neue, das alte bleibt in Europa zurück (…und Europa erbt den Tanz“). Nur Max kann nicht so mittanzen und feiern, er bleibt unsicher, ob er dem neuen trauen kann, kann nicht so locker sein wie Anita. Er hat die Last der Tradition noch in sich, die Jonny nicht hat. Jonny fährt zurück in seine Heimat Alabama/USA, doch ob das neue Land auch Max beruflichen Erfolg bringt?

Bei dieser Musik bleibt kaum was im Ohr, weil sie lauter, schriller und vielschichtiger ist als alle Musik, die vor den 1920er Jahren geschrieben wurde. „Rinaldo“ als Barockoper bleibt dagegen im Kopf. Die Sängerinnen und Sänger sind meist sicher, trotz der halsbrecherischen Tonsprünge, nur manchmal kippt die Stimme in der Höhe und ist nicht ganz sauber. Dennoch ist die Oper sehenswert: so deutlich und unterhaltsam wird die Stimmung einer Zeit eingefangen, dass es eine Freude ist, zuzusehen. Diese Aufregung, des neuen, kommenden! Das Leben pulsiert, anstatt stillzustehen und in einem Ist-Zustand zu verharren. Die STADT ist es, in der das Leben stattfindet, pulsiert, schreit, nicht mehr in der im 19. Jahrhundert als romantisch verklärten Natur (Gletscher-Motiv). am Ende schwingt die Disco-Kugel wie ein Uhrenpendel hin und her, um schließlich den Schaukasten, der wie eine Schneekugel des Gletschermotivs wirkt, in dem sich zwei Figuren (Anita und Max?) befinden, von der Bühne fegt.  Die Darstellung dieses Lebensgefühls in den 1920er Jahren ist dem Komponisten Ernst Krenek und auch dem Bühnenbildner Jan Bammes und Kolleg-/innen bis auf wenige Ausnahmen gut gelungen. Auch etwas Ironie ist dabei, wirkt die Musik trotz allen Ernstes mit ihren Tonsprüngen auch übertrieben. Spontan hätte ich auch nachher laut mit großen Tonsprüngen singen können „Mein Zug geht in 10 Minuten. Zum Bahnhof, zum Bahnhof!“ Wie theatralisch 😉  In der Oper „Jonny spielt auf“ von Ernst Krenek wird ein Lebensgefühl gezeigt, dass laut, schrill ist und in die Vollen geht. Ohne darüber nachzudenken, ob es ein Morgen gibt. Oder ob man scheitern könnte. Kein Nachdenken über mögliche Folgen, sondern: volles Leben.

Jonny spielt auf, Oper von Ernst Krenek am Theater Hagen

weitere Vorstellungen: 2. April 2016, 19.30 Uhr

29.05.2016, 18.00Uhr

Einführung jeweils eine halbe Stunde vor Beginn.

http://www.theaterhagen.de/veranstaltung/jonny_spielt_auf_715/0/show/Play/

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Die Liebe in Zeiten der Glasfaser – Schauspiel am Theater Dortmund

Im Nachhinein habe ich es bereut, nicht zur Premiere des Musicals „Next to Normal“ im Opernhaus gegangen zu sein. Doch da ich sehr oft im Opernhaus bin, sollte das Schauspiel auch wieder Beachtung finden… der Titel des Stücks klang vielversprechend. Wie gestalten sich Beziehungen, die über lange Distanzen gehalten werden sollen

Bis ca. Dezember 2016 wird im Schauspielhaus umgebaut, weshalb einige Vorstellungen im „Megastore“ draußen in Dortmund-Hörde stattfinden. Es ist nicht so einfach, dort hinzukommen. Von welcher der U-Bahnstationen aus man auch noch fährt, sind es locker 12 Radelminuten bis zum „Megastore für Mega-Theater“, wie es in großen Lettern auf dem Container prangt, in dem das Schauspiel Dortmund nun Platz findet. Auf die Buslinie  ist Samstag abend nicht unbedingt Verlaß.

Nun habe ich hingefunden, die Garderobe kostet nichts, es gibt nur eine Toilette. Wenn man durch die Räumlichkeiten läuft, eine Art Vorhalle mit Garderobe und daran anschließend eine große Halle, die in kleinere Räume eingeteilt ist. Ein Raum davon dient als Aufführungsort, man wird  an das Theaterhaus Jena erinnert. Keine schöne Erinnerung für mich, denn bei aller Freude am Theater kam ich mir in Jena immer vor wie im Heizungskeller und Abstellraum. Ein Jammer, dass in Jena IMMER  solche Verhältnisse herrschen. In Dortmund glücklicherweise nur  zeitlich begrenzt. Sicher kann eine Art „Baustellensituation“ der Kreativität auch förderlich sein. Auf Dauer wirkt alles aber sehr bemüht, platt und auch irgendwie nervig auf mich als Zuschauerin. Irgendwann aber sicher ist es dann nämlich auch gut mit der Improvisation, wenn man keine ordentlichen Kulissen hat.

Das Stück „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ dreht sich um 2 Paare, die sich aus beruflichen Gründen für einige Monate trennen müssen und auch wollen: Prof. Wolf Adam (Uwe Schmieder), der als Mediensoziologe für einen Lehrauftrag nach Aalborg in Dänemark geht, seine Lebensgefährtin Helena (Friederike Tiefenbacher), eine Schauspielerin, die für ein Theaterprojekt „Fuck YEurope“* nach Breslau geht  – und die jüngere Fraktion:Studentin Antonia (Julia Schubert), die ihre Masterarbeit bei Prof. Adam schreiben soll und ein Auslandssemester in Rom macht und ihr Freund Tomasz (Peer Oscar Musinowski), der als einziger zurückbleibt. Für Tomasz scheint es bei IKEA auf der Karriereleiter aufwärts zu gehen.Die „Business Leadership Competence“ = BLC*(Führungskompetenz im Unternehmen) ist ein Förderprogramm für vielversprechende IKEA-Angestellte, das Autorität, sicherheit, Anerkennung verspricht – aber auch die Gefahr des Ausgesiebt-Werdens beinhaltet.  Anfangs spielen sie noch vergnügt Tischtennis, während die Zuschauerinnen eintrudeln, der Eingang ist neben der Bühne nicht hinter dem Zuschauerraum, wie man es sonst kennt. Der Zugang ist ebenerdig, die Bühne ist nicht erhöht. Ausverkauft ist das Theaterstück nicht. Ob es manchmal kalt wird, weil Decken auf jedem Stuhl liegen?

Tomasz ist anfangs eine Art Ansager mit Mikrophon, der erklärt, wie die Geschichte ungefährt ablaufen wird, man erfährt z. B. dass einer der Beteiligten sterben wird. Er trägt ein blau glänzendes Oberteil, später eine Art Overall, passend zu seinem Beruf als Logistiker bei IKEA. Umständliche, fast verlegene Abschiedsszenen spielen sich dann ab. Die Abwesenheit der einzelnen Figuren wird durch verschiedene Räume dargestellt: außer Tomasz hat jede(r) seine eigenen Raum, der das eigne Zimmer in der fremden Stadt ist: ein Metallgestell auf Rollen, umspannt von durchsichtiger Folie.Das Innere ist mit Kissen, Stühlen und anderen Einrichtungsgegenständen ausgefüllt.  Jede(r) hat sein Laptop vor sich, wenn ein Telefonat über skype stattfindet (Untertitel des Stücks „Ein Stück skype“), sind die hellen Bühnenvorhänge zugezogen und die beiden Gesichter der Telefonierenden tauchen übergroß auf dem Vorhang auf. Der skype-Klingelton in Form einer Popsong-Melodie arrangiert, kündigt das jeweilige Telefonat an.Wenn die Figuren sich dann doch mal direkt treffen statt nur übers Internet zu telefonieren, stehen und laufen sie vor den Folienquadern.

„Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ soll darstellen, was passiert, wenn Beziehungen zu Fernbeziehungen werden. Die Frage, ob und wieviel Gemeinsamkeit (noch) herrscht, ob man dem oder der anderen noch vertrauen kann oder was die Beziehung letztendlich kaputt macht… all das kommt nur versteckt bei mir als Zuschauerin an.Im Vordergrund sind leider platte, weil so überdeutliche Charaktere: der Professor, der immer nur beim Vornamen genannt wird („Wolf“), der ganz klar was mit einer Studentin hat, sind doch in seiner Seminarliste nur  Teilnehmerinnen verzeichnet, Antonia, die zumindest irgendeine Art von Verhältnis mit dem Prof. Adam hat, bei dem sie auch noch Masterarbeit schreiben soll und Helena, die zuerst noch ganz freimütig erzählt, sie würde abends noch heftig feiern gehen mit den anderen Schauspielkollegen in Breslau („ich habe auf dem Tisch getanzt.“) Antonia ist ein braves und doch auch rotzfreches, immer gut aussehendes Mäuschen mit Rehaugen, das immer dann zu weinen anfängt, wenn sie merkt (wie sie selber einmal sagt), dass sie keine Argumente hat, um sich durchzusetzen. Ein billiger, mieser Trick. Leider fallen darauf immer wieder Leute rein, nicht nur Männer. Mich nerven solche Damen gewaltig! Verstanden hat sie ihren Freund Tomasz noch nie („ich interessiere mich auch nicht für seine Möbel“), er kapiert auch nicht, was sie wirklich macht, wenn sie über ASMR* (Autonomous Sensory Meridian Response) ihre Abschlußarbeit schreibt. Das einzige, was die beiden, so vermutet man stark, zusammengehalten hat, war das „harte Petting“ (Zitat von Antonia). Das geht selbst natürlich über skype nicht. Sehr teeniehaft und auch lächerlich und auch hilflos, wie Antonia einen Zungenkuß vor dem Bildschirm versucht. Anfangs ist sie noch total hilflos und hat Horror vor dem „gruseligen Mitbewohner.“ Später hört man sie auf italienisch mit einem möglicherweise anderen  WG-Mitbewohner reden, der -ach welch Unhöflichkeit – ins Zimmer getreten ist, während sie mit Tomasz telefoniert. „Wir wollen ausgehen.“ Das ist für das einfachere Hirn von Tomasz zuviel. Er dreht durch, als der Gründer von IKEA zu ihm an die Arbeitsstelle kommt und er nicht die Anerkennung erfährt, die er sich erhofft hat. Das Aussieben beim BLC* hat stattgefunden.  Ein durchaus mögliches Szenario, gut gespielt.

Sehr bald wird auch klar, wieviel man sich gegenseitig vorspielt und auch vorlügt, wenn die Beziehung fast nur noch über Skype läuft.Ein Stück Selbstironie ist wohl auch dabei, als Helena in einem der ersten skype-Telefonate sagt: „Die machen in Polen (man bedenke dabei auch die derzeitige Kulturpolitik im Nachbarland)  so krasses politisches Theater. Das braucht man als Schauspielerin.“ So sehr wie Helena über das gemeinsame Feiern mit den Kollegen (die „Kollegen“ werden von den Zuschauern „dargestellt“, indem die Schauspielerin das Laptop vor einen der Zuschauer hält) begeistert erzählt, so wird bald klar, dass ihr die zugeteilte Rolle als „Nazi-Schlampe“ nicht gefällt. Läuft eben doch nicht so toll, wie man es sich gewünscht htte. Symbolhaft dafür: der Rock, den sie tragen soll, paßt nicht. Die erwarteten blonden Haare hat sie auch nicht. Etwas schmunzeln mußte ich über den gefüllten BH, den sie im „Stück des Stücks“ in Breslau tragen soll.Andere Damen haben genauso (un)freiwillig schon natürliche Füllung, die genug ist…. Das ganze spitzt sich zu, weil sie eine Vergewaltigungsszene spielen soll. Nach Aussage des Produktionsdramaturgen kam die Idee zu dieser Szene von der Schauspielerin Friederike Tiefenbacher selbst.  Es ist grausam, wie die Regisseur_innen nur ganz nüchtern Ansagen treffen, Helenas Spiel sei immer noch nicht realistisch genug. Das ist schon klar, dass hier das Regietheater damit auf die Schippe genommen werden soll. Aber muß es solch eine grausame Szene sein? Auch wenn es nur angedeutet ist weiß jeder, welches grausame Verbrechen damit dargestellt wird. Ich hatte, weil diese Szene auch einige Zeit dauert überlegt, in diesem Moment zu gehen. Leider saß ich jedoch so ungünstig, dass ich einige Leute aufscheuchen hätte müssen. Also pardon, das muß wirklich so nicht sein, wenn man das Regietheater kritisieren will! Diese Szene schockt nicht nur, sie widert an und läßt einen getroffen und verletzt zurück. Das Thema Vergewaltigung kann man auch anders behandeln!

Wolf ist ratlos ob solcher Szenen, die Helena spielen soll. „Ist das deine Wahrheit?“ fragt er sie über Skype. Es wird klar, dass Helena an diesem Punkt ihren Job haßt. Die Frage bleibt, was man einer Schauspielerin oder einem Schauspieler zumuten kann und darf,  damit sie oder er nicht seine Würde, ihr und sein Menschsein verliert. Letztendlich ist es dann doch nciht so toll in Breslau und in Aalborg: das Stück wird verboten, Helenas Rolle ist gestrichen und Wolfs Wohnhaus ist tief verschneit, so dass er nicht mehr raus kann. ein mysteriöses europaweites Flugverbot macht jeden Besuch fast unmöglich. Studentin Antonia hat es satt, immer nur die „Sekretärin“ für den Prof. Wolf Adam zu sein, das Thema ASMR* nervt sie sowieso (im ZÜNDFUNKvom 22.01.2016 sagte Moderatorin F. Storz zu Recht sie würde bei dem blöden Geflüstere und Geraschel, das beruhigend wirken soll und auf youtube anzuhören ist, richtig aggressiv werden) – und hält ihrem Prof eine laute Standpauke. Das kann der wiederum überhaupt nicht verstehen, dass sie sich ihre Karriere im Institut selbst kaputt macht. Es spricht Bände, dass der Prof bei einem Vortrag auf die auf dem Bauch liegende Antonia (auf dem Tisch liegend) immer wieder seine Hände legt und umher streicht. Das sind wohl seine Gedanken, was er noch so gern von Antonia gehabt hätte…. Sein Auftritt als Teufel mit der Maske, wie er über eine Luftmatratze streicht und solche ASMR-Geräusche erzeugt, während Antonia spricht machen deutlich, wie blank die Nerven liegen und das dieses seltsame ASMR alles andere als beruhigend wirkt.

Am Ende stirbt einer, der dann in der Schlußszene noch mal als Engel in durchsichtiger Plastikfolie auftaucht (und auch ein eingepacktes IKEA-Möbelstück sein könnte). Das Leben geht weiter – aber wie? Ist es besser, gar keine Beziehungen zu haben, weil man dann keine (0der weniger tiefgehende) Enttäuschungen erfährt? Wie behält man das Vertrauen und die Liebe zueinander, wenn man eine Fernbeziehung führt oder führen muss? Leider wird das, um was es im Titel „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ wirklich gehen soll, nicht so deutlich klar, wie ich es mir gewünscht hätte.

Im Vordergrund sind die Figuren, die die Klischees vollständig ausfüllen: der eher stumpfsinnige IKEA-Logistik-Mitarbeiter  Tomasz und seine noch halb-teeniehafte Freundin Antonia, die ihm zum Beweis „wir sind frei!“ ein blutiges Tampon vor die skype-Kamera hält (wie lange ist es schon her, dass sie Sex mit Tomasz hatte? Kann man noch Vertrauen ineinander haben?), der Professor, der ein oder mehrere Techtelmechtel mit „seinen“ Studentinnen hat. Es gab sogar Kritiker-/innen, so konnte ich im Pressespiegel nachlesen, die der Vergewaltigungsszene was Humoriges abgewinnen konnten. Nein, in dem Stück ist sehr wenig bis gar kein Humor.

Es wäre besser gewesen, statt der klischeehaften Charakterzeichnungen – das Stück wurde mit den Schauspieler-/innen entwickelt, es gab keine Vorlage – eben das in den Vordergrund zu stellen, was „die Liebe in Zeiten den Glasfaser“ ausmacht und was sie kaputtmacht: das Sich-Auseinander-Leben, das Fremdwerden oder auch Sich-Wieder-Begegnen-Können, das gegenseitige Anlügen oder doch die Wahrheit erzählen. Nur an wenigen Punkten kommt dies im Stück raus (Helena sehr bemüht:“Man kann doch nicht immer mit den selben Worten eine Mail beenden“).

Beim Nachgesprach in der von gelben Leuchtröhren bekränzten Bar (bei diesen Wellblechwänden muß man sich wie in dem MAN-Haus im Freilichtmusieum Bad Windsheim fühlen- alles andere als gemütlich) betonte die Schauspielerin Julia Schneider die Ambivalenz der Figur Antonia: einerseits spielt sie immer das arme, hilflose  Mäuschen, das unterstützt werden will, andererseits haßt sie diese Rolle auch. Und einmal hat sie auch genug von der dienenden Rolle für den Professor, den selbst die Studentin Antonia immer „Wolf“ nennt (hui, wie persönlich! Und das zu einem Prof?). Diese Ambivalenz der Figur Antonia  ist bei mir angekommen. Dennoch läßt mich „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ enttäuscht und ratlos und auch teilweise geschockt zurück. Wer es sich ansehen mag: bitte. Empfehlen kann ich es nicht.

„Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ , Regie Ed Hauswirth am Theater Dortmund

http://www.theaterdo.de/detail/event/16780/

Weitere Vorstellungen:

MIttwoch 30. März 2016, 19.30 Uhr im „Megastore“

17. April 2016

27. April 2016

 

* Die mit * gekennzeichneten Wörter und Abkürzungen sind dem Programm-Faltblatt zum Theaterstück „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ entnommen.

Figaros Hochzeit ins Blaue hinein

Als Wiederaufnahme aus dem Jahr 2013 läuft am Opernhaus Dortmund „Le nozze di Figaro“, Figaros Hochzeit in der Inszenierung von Marie Clément als Koproduktion mit dem Staatstheater Nürnberg. Der Figaro fehlte mir als eine der wenigen Opern von Mozart noch. Jetzt habe ich mir die „Hochzeit des Figaro“ heute angesehen.

Am Anfang spielt eine Szene, in der das Orchester noch schweigt. Die Gräfin liegt im Bett, nacheinander treten der Graf, Figaro , Susanna und eine Dienerin auf. Figaro macht durch Gesten dem Grafen klar, dass Susanna ihm gehört. Sogar die Küchenmagd wird abgeküßt, bis sie sich verschämt losreißt. (heute würde man von sexueller Belästigung sprechen, aber wir sind in einer komödiantischen Oper).

Die Ouvertüre beginnt. Auf der Bühne ist der Hintergrund meist blau, die Figuren sind nur Schatten, außer eine Szene wird mal voll ausgeleuchtet. Alle Beteiligten und auch die Bühnenmitarbeiter-/innen schieben immer wieder Tische, Stühle oder Wände auf die Seite oder auf die Bühne. Es ist immer Leben auf der Bühne: während eines Duetts wie dem von Susanna und Figaro, als Susanna Wäsche aufhängt, wird im Hintergrund in einer konstruierten Küche gearbeitet: Mägde sitzen am Tisch und putzen Gemüse, eine andere bügelt an einem Schrank mit ausgeklapptem Tischbrett die Wäsche, der Gärtner Antonio kehrt ganz hinten im Bühnenbild das Laub zusammen. Trotzdem wirkt die Bühne seltsam leer und öde.

Im 2. Akt wird mir der Gesang, die ganze Oper zu lang. Ich wundere mich, warum der Funken nicht überspringt. Müdigkeit und leider auch Langeweile machen sich breit. woran liegt es? An meiner Müdigkeit vorher oder am schlechten Gewissen, in die Oper gegangen zu sein, anstatt vorher noch den Lernstoff für die bevorstehende Prüfung noch weiter durchzugehen?

An den Sängerinnen und Sängern lag es sicher nicht. Auch wenn Gerado Garciano nur spielen, aber nicht singen konnte, hat er dies mit dem singenden Michael Dahmen gut gemeistert. Manchmal hatte man dennoch den Eindruck, wie gern er gesungen hätte…. Morgan Moodys Baß habe ich schon in „Kiss me Kate“ gern gehört. Spiel und Singen, das gehört eben zusammen.(Das stürmische Wetter von heute ist wenig stimmenfreundlich und schreit nach Kopfweh). Ashley Thouret als Susanna singt ausdrucksstark und dosiert das Vibrato richtig, während Emily Newton als Gräfin Almaviva es gern mal übertreibt – und dafür immer wieder Szenenapplaus bekommt. Es scheint sich inzwischen institutionalisiert zu haben, dass im Opernhaus auch Szenenapplaus gegeben wird. Bei Mozart finde ich diesen Applaus eher störend, auch wenn ich die Begeisterung der Zuhörer_innen verstehen kann.

Schade, dass Cherubino nicht mehr Auftritte hat. Gesungen von der phantastischen Mezzosopranistin Ileana Mateescu (Hauptrolle in „Rinaldo“ und Partie des Hänsel in „Hänsel und Gretel“) ist sie eine der wenigen, die für ein Stück Spannung und Unterhaltung in dieser Oper sorgen.Man kann ihm als Frauenheld gar nicht so recht böse sein, vielleicht weil Cherubino noch so jung ist. Ein ewiger Schmeichler, Spaßmacher und Charmeur, gerne auch mal leicht trottelig und deshalb sympathisch. Ich mußte spontan an den Popsong „Herz verloren“ von Farin Urlaub denken, als Cherubino sein Lied der Gräfin singt: „Sagt mal, ihr Frauen, die wissen, was Liebe ist, sagt mir, warum werde ich so verrückt, wenn ich Euch sehe? Warum ist mir gleichzeitig heiß und kalt?“ (sinngemäße Wiedergabe des Textes). Und in der Gartenszene am Ende, als es Gräfin Almaviva und Susanna mit ihrem Verwirrspiel schaffen, den Grafen und Figaro reinzulegen, singt Cherubino „ich rieche Frauen.“ Da mußte ich lachen, einer der seltenen Lacher an diesem Abend. Man kann dem Schlingel nicht böse sein. Dem überambitionierten Grafen Almaviva, der seine sexuelle Lust nicht zügeln kann, sehr wohl. Möglicherweise hätte heute ein Psychoanalytiker bei ihm Sexsucht diagnostiziert und ein großes Frustpotential bei beiden Eheleuten festgestellt. Merke: man löst seine eigenen Eheprobleme nicht, indem man mit einer anderen anbandelt. Wenn, dann isses nur eine  kurze Freude und noch dazu sehr anstrengend, weil man die Beziehung ständig vor der eigenen Ehepartnerin geheim halten muß.

Genervt hat mich genau das, was anderen immer so gut gefällt: die ‚historischen‘ Kostüme. Ich habe mit jeder Frau Mitleid, die dieses grausige Korsett tragen muß. Man muß sich mit diesem weit ausgestellten Rock vorkommen, als ob man von der Taille ab in einem Faß steht und damit rumlaufen muß…. bei der Gräfin noch grausiger als bei Susanna. Warum nicht ein reichhaltigeres Bühnenbild und dafür weniger Aufwand beim Kostüm? Der Garten in der Schlußszene, das waren nur kümmerliche Haufen mit bunten Blättern und einer Holzhütte. Nicht überzeugend, wenn in diesem Garten Verwechslungsspiele und Versteckspiele gespielt werden sollen.

Die Musik gibt einiges her, der Inhalt auch… aber es lag wohl an der Inszenierung, dass bei mir der Funke dieses Mal leider nicht übersprang. Mozart hat einige Hits in der Oper „Figaros Hochzeit“ , sagte mir ein guter Freund. Ich glaube ihm als langjährigen Opernfreund. Dennoch habe ich kaum was im Kopf behalten (Rinaldo dagegen läuft in Endlosschleife 😉 . Bei aller Verachtung für solche Schürzenjäger wie dem Grafen Almaviva ist es wohl so, wie Dramaturg Georg Holzer im Programm schrieb: in „Figaros Hochzeit“ geht es um die Menschen und ihr privates Glück. Niemand will eine Revolution anzetteln (die Oper wurde am 1. Mail 1786, als es schon revolutionäre Gedanken gab und bevor die Franz. Revolution losbrach, uraufgeführt). Jede und jeder hat seine Schwächen, die die Mitmenschen nerven oder auch belustigen. Ob der Graf am Ende, als ihm die Gräfin seine Untreue verzeiht (oh wie großherzig für den Hallodri 😀 , seine Gelüste gegenüber Susanna aufgibt, weiß man als Zuschauer-/in nicht (die Psychotherapie gab es noch nicht). Auch Cherubinos Frage, was denn mit ihm los sei, dass er immer so verrückt werde, wenn er Frauen sieht, wird nicht beantwortet (gab es da mal nicht einen Film von Woody Allen drüber?) Die wirklich starken Figuren sind in der Komödie immer die, die im realen Leben benachteiligt sind: die Diener und Kammerzofen sind ein Stück schlauer und geschickter als ihre Herrinnen und Herren und wissen sich geschickt gegen Ungerechtigkeit zu verteidigen. Die Herrschaft des Adels bedeutet immer Willkürherrschaft – und deshalb hat es 1789 von Frankreich ausgehend auch so gekracht.

Gerne werde ich mir die Oper noch mal ansehen – aber bitte mit einer anderen Inszenierung. Tut mir leid, ich bin früher auch gern ins Staatstheater Nürnberg gegangen, als ich in Mittelfranken gewohnt hatte. Nur gab es damals noch kein Internet und keine Blogs wie diesen hier, in den man Kritiken schreiben kann.

 

Figaros Hochzeit, Commedia per musica von Wolfgang Amadeus Mozart

Libretto von Lorenz Da Ponte nach Beaumarchais

Inszenierung: Marie Clément

Opernhaus Dortmund, weitere Termine: 3., 16. und 30. April 2016

http://www.theaterdo.de/detail/event/16001/#prettyPhoto

 

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Am  16. April 2016 habe ich mir den „Figaro“ noch mal angesehen. Diesmal vom Orechestersessel aus (Das sind die vordersten Reihen im Opernhaus Dortmund). Auf verhältnismäßig kleiner Fläche passieren viele Nebenhandlungen, die ich vom Orchestersessel aus besser verfolgen konnte – und bis auf eine Szene hat es mich nun gepackt! Ich langweilte mich nicht mehr und habe öfter gelacht. Allein die Szene im Schlafzimmer der Gräfin, als Cherubino aus dem Fenster gesprungen ist (auf der Flucht vor dem Grafen) zieht sich in eine schwerer erträgliche Länge. Die Musik ist fast immer gleich laut, die Ausdrücke der Figuren unterscheiden sich kaum. Aber sonst… ein schöner Abend! Und einige Hits gibt es… mancher paßt sogar als Protestgesang gegen Autoritäten!

 

Das Leben: ein Schachspiel

 

Kritik zum Balett von Xin Peng Wang: „Faust I – Gewissen!“

Fast jede Schülerin und Schüler kennt den Stoff um Doktor Faustus, geschrieben von einem gewissen J W. von Goethe. Dieser Herr  Faust hat alle Wissenschaften studiert und ist doch unzufrieden weil er immer noch nicht weiß, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das schafft innere Unruhe, Rastlosigkeit. Dann begegnet ihm der Teufel, der aufgrund einer Wette mit Gott dem Faust das Blaue vom Himmel (oder besser: das Rote von der Hölle) verspricht. Na wenigstens soll es in der Hölle immer schön warm sein. Im Himmel dagegen sollen kontinuierliche lästige Chorproben die Regel sein.

Der Stoff um Doktor Faust oder „Faustus“ wurde oft vertont.1797 schreibt Johann Ignaz Walter die erste Oper über diese Erzählung. In England entsteht der Schauerroman (Ann Ratcliff „The Italian“ und Horace Walpole). Den Komponisten Walter kennt man heute kaum mehr, aber einen anderen, erst recht, wenn man Violinunterricht hatte: Louis Spohr. Er schreibt ebenfalls im Jahr 1816 eine Oper über den Alchemisten, Juristen und Metaphysiker.

Faust, das ist durchaus auch ein Inhalt für Schauer- und Horrorromane, weshalb sich im Programmheft einige Hinweise auf Lord Byron und andere Dichter der schwarzen Romantik finden – englische Pendants zu Faust entstehen. Parallel zur literarischen Romantik im 19. Jahrhundert sind einige andere Komponisten eifrig am Werk: Hector Berlioz mit seinem Oratorium „La Damnation du Faust“ 1845 und die heute noch bekannte Oper „Faust et Maguerite“ von Charles Gounod  im Jahr 1859 (Gounods Oper ist derzeit in Essen zu erleben. Ein Bericht von der Premiere hier: http://terzwerk.de/faust-essen/  – danke an die terzwerk-Redaktion). Sogar Giuseppe Verdi schrieb ein Musikdrama namens „Mefistofele.“ Gegen Ende des 19. Jahrhundert war es dann aber wohl genug mit dem Hochlob und Kult um Doktor Faustus, so dass es 1869 eine Persiflage als Opéra-bouffe „let petit Faust“ von Hervé (bürgerlicher Name Louis Auguste Florimond Ronger) gibt.

Faust als Oper – ja, das kann man sich vorstellen. Aber Faust als Ballett? Mit welcher Musik soll dann getanzt werden?

Die Idee, „Faust“ zu tanzen, ist nicht neu. In Mailand  an der Scala gibt es am 12. Februar 1848 ein Ballett, choreographiert von Marius Petipa (Mitschöpfer der Ballette von Tschaikowsky) und zur ;usik von Giacomo Panizza und Niccolò. Leider erfährt man im Programm nicht, ob die Musik speziell für diesen Tanz geschrieben wurde oder ob auf bereits bekannte Stücke getanzt wurde.

Im deutschsprachigen Raum gibt es bis ins 20. Jahrhundert hinein keine Oper, „Faust“ wird in symphonischen Werken vertont; Richard Wagner mit seiner „Faust-Ouvertüre“ im Jahr 1840, Franz Liszt mit einer „Faust-Sinfonie“ als Charakterbilder von Faust, Margarete und Mephisto. 1907 findet das Faust-Thema Einzug in Gustav Mahlers achte Sinfonie, allerdings mit der Himmelfahrtszene aus „Faust II.“ Noch 1994 entsteht eine Oper „Historia von D. Johann Fausten“ von Alfred Schnittke und 2003 von Pascal Dusapin „Faust – die letzte Nacht.“

Das Dortmunder Ballett „Faust I – Gewissen!“ vn Xin Peng Wang

45 Min vor Beginn gibt es eine Einführung in den Stoff, die Musik  (die fast ausnahmslos live vom Orchester gespielt wird) und die einzelnen Szenen. Man sollte diese Einführung unbedingt hören, damit man die Bedeutung der einzelnen Bühnenbilder begreift. Im Programmheft für 2,50€ ist das meiste nachzulesen. Schade nur, dass der Vortrag recht eintönig verläuft, so dass man nach 15 min nicht unbedingt mehr geneigt ist, zuzuhören.

 

Das Leben: ein Schachspiel.

Vom ersten Augenblick an ist man bei „Faust I Gewissen!“ gebannt vom Bühnenbild. Farbige oder glänzende Kostüme, Federflügel, die durch die Luft wehen, ein Eimer, der Mephisto analog zum Pferdefuß eines Teufels am rechten Fuß klebt, sorgt für etwas Komik. Dazu wechselnde Ebenen, auf denen die Tänzer  tanzen, im Hintergrund zeitweise ein riesiger Spiegel, der mit dem Abbild toter Körper eingerahmt, alles spiegelt, was auf der Bühne passiert. (Gut, wenn man in der Loge sitzt: da kann man die unteren Bühnenebenen schon sehen, bevor sie nach oben kommen). Immer wieder taucht eine scheinbar nackte Menschenmasse mit undeutlichen Gesichtern auf (die Menschheit? Die Gesellschaft, die Faust nicht versteht?).  Und: das immer wieder kehrende Schachbrett. Bei der Einführung wurde dies so erklärt:

Das Schachbrett steht für eine wohlgeformte Ordnung im Leben. Figuren in Kostümen, die Könige oder Türme oder Läufer sein könnten, schreiten langsam über das Schachbrett, Im Hintergrund verkörpern Tänzer(innen) in aufwendigen Kostümen die  vier Wissenschaften des 16. Jahrhunderts: Theologie, Jura, Medizin, Philosophie. Der alte Faust, der zuerst mehr über die Bühne schlurfte als ging, tanzt mit jeder der Wissenschaften, nachdem diese ihren schweren Umhang abgelehnt haben. Wow, wie schwungvoll so ein alter Mann plötzlich tanzen kann.

Mephisto taucht auf. Seinen „Pferdefuß“ hat er nun verloren und kann sich so freier bewegen. In Goethes Erzählung wird von der Verjüngung des Faust erzählt: im Ballett löst ein anderer Tänzer den „alten Faust“ ab. Jetzt wirbeln sie beide über die Bühne, gern im Duett: der schwarz-glänzende Teufel und Faust im weißen Hosenanzug mit offenem Hemd. Da möchte man gleich mittanzen, denn jetzt geht es durch das pralle Leben, das nur der Jugend offensteht. Dieses „pralle Leben“ soll durch an die Wand und den Bühnenboden projizierte Nachrichten- und Börsenkursmeldungen symbolisiert werden… dies wird ohne einen Blick ins Programm nicht wirklich klar. Ein paar andere Requisiten, die z. B. an reichhaltiges Essen, wenn nicht an Völlerei erinnern, wären da deutlicher gewesen. Auch was das Gitter, das an eine Stahlkonstruktion erinnert und von oben immer wieder herabgelassen wird, bleibt rätselhaft.

Gut umgesetzt ist hingegen die Begegnung Margaretes mit Faust im Haus der Tante Margaretes. Die Vorsicht und Ablehnung der Tante, ihr Entsetzen über Faust, der ihre Nichte plötzlich im Arm hält, wird sehr deutlich. Die wechselvolle Musik, die einige Überraschungen bereithält in Sachen Stil („Klassik“, Elektronik, Minimal-Music und sogar Rammstein) sorgt zusätzlich für Spannung, wenn die Tanzbewegungen manchmal langatmig erscheinen.

Rammstein: ja tatsächlich wird ein Lied dieser Band für die Walpurgisnachtszene benutzt. Diese Art von Musik ist eine echte Geschmacksfrage und würde sie draußen aus irgendeinem Lautsprecher dröhnen, würden sich viele angewidert abwenden. Beim Ballett Dortmund paßt die Musik Rammsteins  („ich will“) in Rhythmus und Aussage genau zum Tanz: „Ich will das du  mir vertraust […] Ich will dass du mich siehst….“ Genau darum geht es: Mephisto will, dass Faust ihm vertraut. Faust will Margarete haben, die nun des Mordes an ihrer Tante bezichtigt wird (die aber von Mephisto getötet wurde). (In Xin Peng Wangs Ballett „Faust I – Gewissen!“ kommt keine schwangere Margarete, die später ihr Kind tötet, vor). Die Walpurgisnacht ist die stärkste Szene des gesamten Abends: fast wie Striptänzer auf einer schmalen Bühne tanzen die Hexen mit schwarzen, wehenden Federflügeln, die Gesichter unter Masken verborgen. Darunter zu Beginn eine Art Labyrinth von kreisförmigen, schachbrettgemusterten Stoffbahnen, aus denen erneut diese seltsamen Wesen, die wie nackte Menschen aussehen, plötzlich hervorkommen. Ohne deren Auftauchen hätte man die verschiedenen Stoffbahnen auch nur für eine geschickte 3D-Spielerei der Bühnen- und Beleuchtungstechnik halten können. Nach der Walpurgisnacht gibt es Szenenapplaus. Ein Zeichen für die richtige Platzierung der Musik.

Schlußszene: Margarete steht nur noch in einem weißen Nachthemd (kein Kleid mehr) vor einer Wand, wie eine Art Marterpfahl. Die Teufel oder die zu Teufeln gewordene Menschen werfen blutige Batzen an die Wand. Mit jedem Aufprallen an der Wand sinkt sie mehr in sich zusammen, bis sie am Boden liegt. Der junge Faust liegt am vorderen Rand der Bühne, der alte Faust taucht wieder auf. Warum jedoch der alte Faust nicht nur das tote Mädchen ansieht und anfaßt, sondern mit ihr tanzt, als sei sie plötzlich wieder zum Leben erwacht, bleibt ein Rätsel.

Das Leben kann ein Schachbrett sein. Alles ist wohlgeordnet, alles bewegt sich nach Regeln. Nur wenn Mephisto (in Form von anderen Geschehnissen) auf das Schachbrett tritt, kommt alles durcheinander, manchmal verschwindet das Schachbrett völlig. Ob man sich dann den „bösen Mächten“ zuwendet, um wieder Ordnung zu schaffen? Einen Pakt mit dem (vermeintlich) Bösen schließen? Ist es vielleicht nur das schlechte Gewissen, seine Pflicht oder einfach nur das, was man tun wollte, nicht getan zu haben?

Auffällig war die starke Präsenz junger Leute beim Ballettabend „Faust I – Gewissen!“ am Dortmunder Opernhaus. Ob sie „nur“ wegen der moderner anmutenden Musik kamen? Ein paar Mädels hörte ich im Hinausgehen erzählen, dass sie auch Revuetheater gerne mögen würden, da paßte das Ballett heute auch dazu. Und wie haben die Senioren, die sich sonst „La Traviata“ oder „Rosenkavalier“ ansehen, den „Krach“ von Rammstein ertragen?

Faust I – Gewissen!“ Ballett von Xin Peng Wang am Opernhaus Dortmund.

Weitere Termine:

13. März 27. März, 1. April, 1. Mai, 21. Mai, 4. Juni und 1. Juli 2016.

http://www.theaterdo.de/detail/event/16165/

Weitere Rezension: http://terzwerk.de/faust/

 

 

 

 

 

 

 

 

Alltagsbeobachtungen I. In der U44 in Dortmund.

Wie jeden Tag, wenn ich nicht mit dem Rad zur Uni fahre, steige ich an der Haltestelle  Reinoldikirche (für die Franken und Fränkinnen von Euch extra mit „Waffel-L“ ausgesprochen) um.  Ich komme vom einen Bahnsteig mit der Rolltreppe hoch, gehe zum anderen Bahnsteig – dann laufe ich, weil meine U-Bahn grade da ist. Hinter mir läuft ein Kind mit Schultasche, später kommt die Mutter mit einem weiteren Kind rennend an der U-Bahn an. Die orangen Warnlichter in der Tür blinken schon, als das Kind mit Schultasche hinter mir einsteigt.

Es ist der vorderste Waggon, wo auch die Fahrerkabine ist, in den ich hineingehüpft bin. Jede und jeder erwartet, dass der Zug jetzt losfährt.

– doch stattdessen kommt plötzlich der Fahrer aus seinem hoheitlichen Terrain hervor und beschimpft die Mutter: „Was is das denn für eine Fürsorge??“ Er meint damit die Tatsache, dass das Kind in der Lichtschranke stand, was natürlich nicht sein hätte sollen.

Was mich daran verwundert ist, warum er der Mutter mangelnde Aufsicht über ihre Kinder vorwirft, anstatt was von Verkehrssicherheit zu predigen. Wäre doch logischer gewesen.. An was soll hier appeliert werden? Und vor allem: hätte er einen Vater auch so beschimpft? Oder mit sachlichen Argumenten hantiert? (Ihr wißt ja, nur Männer können rational und sachlich denken -hohohoho!)

Nach der Alltagsbeobachtung II – die in der selben Linie stattfand – habe ich den Eindruck, dass das eine Lehreinheit beim Fahrpersonal ist: nein, nicht sachlich über Verkehrssicherheit den Fahrgästen predigen – sondern an deren soziale Verantwortung appelieren, wenn sie Kinder dabei haben. Kluger Schachzug. Hm, und  was machen sie dann bei einzelnen Fahrgästen? Ah ja , stimmt, da war was: er solle seinen „Arsch“ in die Bahn bewegen, damit man weiterfahren könne. Bei Einzelpersonen also dann doch derbe Verkehrssicherheits-Predigten.

Ihre Hoheit von U-Bahn-Priester verschwindet wieder hnter der dunklen Scheibe seines Tempels. Der Zug setzt sich nun wieder in Bewegung.