4. Philharmonisches Konzert im Konzerthaus Dortmund

Titel: „beziehungs_weise“ in der Serie Philharmonische Konzerte „liebes -gefühl -rausch“

Selten, dass ich in ein Konzert eher „reinstolpere“ als dass ich mich wirklich vorbereite, d.h. ich schaue vorher noch mal nach, was auf dem Programm steht und kaufe mir dann auch eines. Leider dauert der Kontowechsel immer „2-3 Bankarbeitstage“ wie es so schön aus dem Mund der in „meiner“ Bank arbeitenden, dürren Angestellten heißt (schlank ist was anderes. War übrigens bei der Schwesterbank schon so, was mich schon verwirrt und auch kopfschütteln läßt. Als ob kräftigere Frauen diese ARbeit nicht machen könnten… Eine Diskriminierung ist diese Einstellungspraxis allemal. ist mir übrigens egal, welche Figur Bankmenschen jeden Geschlechts haben, solange sie einigermaßen fair zur Kundin sind!) Diese blöde Lappalie der „Bankarbeitstage“ hat zur Folge, dass ich mir heute eben kein Programm kaufen konnte.

Schade. Aber gut, daheim bleiben und schmoren wäre auch Blödsinn.

An sich sollte Clara Schumanns Klavierkonzert in a-moll erklingen, der Solist war aber erkrankt und es wurde die Tragische Ouvertüre d-moll von Johannes Brahms gespielt. Beim Wort „tragisch“ denke ich zuerst an leise, klagende Töne. Nichts da bei Brahms´ Musikstück: laut und fordernd, anklagend kommt die Musik der „Tragischen Ouvertüre daher. Es wäre spannend zu wissen, wozu diese Ouvertüre geschrieben wurde. Klage kann auch laut sein, polternd, fordernd.

Das Klavierkonzert in a-moll (interessant, dass beide Eheleute Schumann die selbe Tonart gewählt haben) von Robert Schumann wurde mit der Solistin Martina Filjak gespielt. Ist natürlcih erfreulich (und das Publikum erwartet das wohl auch), dass jemand einspringt. Ich habe ihr auch gern zugehört, jeder Handgriff am Klavier hat gesessen. Aber pardon… an der Kleidung muß ich heute ausnahmsweise mal Kritik üben. Es ist wichtig und gut, dass jede(r) die freie Wahl bei ihrer oder seiner Kleidung hat. Allerdings setzt sich eine Solistin oder ein Solist bei bestimmter Kleidung dem Vorwurf aus (so mein Eindruck), sie oder er würde das mit einer bestimmten Absicht tun. Es gibt da eine schon ältere Geigerin, die gern auch als Werbeträgerin für die Spende-Bettelaktion eines Radiosenders in Bayern auftritt. Diese Madamm (ich schreibe das Wort absichtlich falsch) trägt immer schulterfrei. Schade, dass man nachher selten die „Geigenküsse“ , d.h. rote Flecken von der Druckstelle der Geige, die es IMMER am Hals gibt, nicht sieht. Dieses schulterfreie Kleid-Tragen, das regt mich auf. Was soll das?? Soll das schick sein oder schön?? Ich find´s einfach nur lächerlich. Ich habe einmal als Hobby-Orchestermusikerin eine Solistin – auch mit Geige – erlebt, wie sie völlig radikal mit legerer Samthose und buntem Samtoberteil reinkam und spielte; eine Art Overall, den man, so erwartet man es, eigentlich nur zuhause tragen würde. Sehr mutig. Weg vom Frauenkleider-Schick-und-schön-sein-müssen-Wahn.

Die Solistin des heutigen Abends hatte einen sehr tiefen Ausschnitt mit Spitze an. Welch Glück, dass die Natur sie von größerem Elend am Körper verschont hat, sonst könnte man sowas gar nciht tragen! Bei aller Freiheit der Kleiderwahl halte ich es für absolut unangemessen, eine solch tiefen Ausschnitt mit Spitze noch dazu zu tragen, dass man den Brustansatz sieht. Muß das sein?? Man kann nur hoffen, dass männliche Kritiker und Besucher bei aller Freude an der Musik einen kühlen Kopf bewahren. Und männliche Konzertbesucher? Gehen die (fast) nur wegen dieser doch recht freizügigen Kleidung rein? Reicht wohl das Geld für den Blähboy nicht, was?? (ach so, ich vergaß, dass keine Musik losgeht, wenn man dieses „Magazin“ aufschlägt).  Es wäre unfair allen anderen Solist-/innen gegenüber, diese Art von Kleidung dafür zu benutzen, um mehr Applaus, mehr Erfolg zu generieren!

Ah übrigens, wenn das so ist: ich wünsche mir beim nächsten männlichen Solisten dann ein Netzhemd mit tiefem Ausschnitt (Haare auf der Brust sind egal). Und bitte ein Spitzeneinsatz statt geschlossenes Hosentürchen. Auch heterosexuelle Frauen wollen was zum Glotzen haben. Haha.

Wohlgemerkt: ich wünsche mir auf keinen! Fall die erstickenden Hemd- und Kleiderkrägen der Kaiserzeit zurück!

So, genug über Nebensachen (die aber viel ausmachen) gelabert.

Zum wichtigsten, der MUSIK.

Martina Filjak beherrscht das Instrument, keine Frage. Nuancen bei der Lautstärke werden vielfach ausgeleuchtet, allerdings hätte es nicht gar soviel verzogener, verzückter oder seufzender Gesichtsausdrücke bedurft, man glaubt ihr auch so, dass sie in der Musik „drin“ ist.

 

Was mich wirklich mitnahm und ins Herz ging war Johannes Brahms´ 3. Symphonie in F-Dur op. 90. Schon nach den ersten paar Tönen wußte ich: das Stück kennst du. Aber im Radio wirkte es nicht, eher schaltete ich ab, weil ich von der Wucht, mit der der erste Satz daher kommt, überfordert war. Live war es ganz was anderes.

Ich konnte meine Gedanken schweifen lassen, die ebenso von Zweifeln, Sorgen und Verbitterung/Traurigkeit durchdrungen waren wie die Musik es war. Der erste Satz kommt wieder wie eine laute Anklage daher. Der 2. Satz: ruhiger, von goldener Farbe. Am Anfang ist es wie ein Morgen, an dem langsam die Sonne aufgeht, bis sie in vollem hellen Glanz steht. Dafür sorgen die Streicher ebenso wie die Hörner (aaah, bei Hörnerklang muß ich auch immer an den Wald denken 🙂 Tiere, die im Wald leben, tauchen auf, z. B. Vögel (Flöten) oder Hirsche, Rehe (tiefe Streicher), manchmal hüpft auch ein kleineres Säugetier am Waldboden herum (leisere Geigentöne, ich meine, Pizzicato war noch dabei). Den großen Auftritt haben im 2. und im letzten Satz die Celli, meine absoluten Lieblinge. So ein voller, schöner Klang, nicht so piepsig wie die Piccolo oder manchmal auch die Geigen.

Der Tag schreitet voran, er ist hell, erfüllt von Freude über die Zeit, die man gemeinsam mit den Freunden oder/und  dem/der Liebsten verbingen darf, bevor man beim Sonnenuntergang Abschied nehmen muß. Doch der wohlige, satte schöne Klang der Abendsonne durch die Celli verspricht Hoffnung auf ein Wiedersehen, man muß nicht so traurig sein beim Abschied. In Frieden kann man nach Hause zurückkehren und zu Bett gehen.

 

Doch das Leben geht weiter.

Ein neuer Tag bricht an, düsterer, lauter, der 3. Satz. Nicht alle, aber doch die meiste Hoffnung erfüllt sich nicht. Durch die Melodie in den Geigen, die an ein Hin und Her erinnert, als ob man zuhause ungeduldig wartend dort sitzt, dann wieder aufsteht und hin- und hergeht, weil der sehnlich erwartete Mensch einfach nicht kommen will. Eine nicht ganz so laute, aber doch deutliche Klage an das Leben, an die Zustände, vielleicht auch an die Gesellschaft, die manches nicht zuläßt, was man sich selbst so dringend wünscht: die Verbindung zu eben diesem jenen fernen geliebten Menschen.

Der 4. Satz knüpft in seinem Wesen an den 1. Satz an: die laute, polternde Klage dominiert. Nur wenig Trost gibt es, nur wenig Hoffnung. Bei einigen Stellen mußte ich an Dvorak denken. Mit einem Unterschied: bei Dvorak wird man mit einer Hoffnung entlassen, die hier bei Brahms fehlt. Dennoch: ein wunderschönes Stück Musik. Gut auch, dass das Publikum (im Gegensatz zu verg. Sonntag) noch ein paar Sekunden gewartet hat, bevor der begeisterte Applaus losging. So ein Stück muß eben wirken, die Spannung muß da sein und man muß sie zulassen. Ich konnte nachher auch nicht sofort klatschen, weil ich von der Musik so mitgenommen war.

Wie schön, hier solch ein gutes Orchester zu haben. Von Thüringer Orchestern war ich meist enttäuscht (schlechte Finanzierung macht wohl auch Frust und damit schlechtes Spiel aus).

Manchmal frage ich mich auch, wieviel Anteil die Musiker-/innen an Freude und welchen sie an „naja, ist halt meine ARbeit“ haben. Eine frühere Dirigentin meines alten Chores in J., die jetzt die dortige Philharmonie dirigiert sagte einmal: „Am Montag bekommen die frische Noten auf´s Pult, dann wird die ganze Woche geprobt und am Freitag ist Konzert. Das war´s dann. Am nächsten Montag von vorn.“ Verliert man dabei durch Routine die Freude an der Musik? Oder wie schafft man es, sich einen Teil Freude, Gefühl, Mitgenommensein zu bewahren, trotz aller notwendigen Professionalität?

Das wäre mal spannend zu erfahren.

 

 

 

 

3. Philharmonisches Konzert der Dortmunder Philharmoniker am 10.11.2015

Die kindliche Lust am Lärmmachen – das kam mir in dem Sinn, als ich der Solistin  des Abends, Evelyn Glennie, zusah. Sie ist die Solistin des Schlagzeugkonzertes „Der gerettete Alberich“ von Christopher Rouse (*1949), das Konzert wurde extra für sie geschrieben. Schnell kommen Vorurteile auf, dass Schlagzeug doch nichts besonderes sei, das sei nur Krach, die Percussionisten keine echten Musiker, weil sie eben nur draufhauen können. Aber halt: Percussion bedeutet nicht nur draufhauen können! Rhythmus und Fingerfertigkeit sind gefragt.

Schlagzeugkonzerte sind was Seltenes, denn Schlagwerk spielt meist nicht die Hauptrolle in der Musik für Orchester. Mächtig viel Schlagwerk ist bei diesem Konzert auf der Bühne aufgebaut: ganz links liegen auf dem Boden mehrere Guiros, eine Art Holzratsche, die mit einem darüber gestrichenen Stab gespielt werden (ratterndes, knatterndes Geräusch). Dazu muß sich die Solistin bücken… Evelyn Glennie macht das mit einer Ruhe und ohne Schwierigkeiten, als dass ihr z. B. ihre langen grauen Haare irgendwie im Weg wären… Bemerkenswert auch, dass sie komplett barfuß auf der Bühne umhergeht!  Wohl, um den Rhythmus noch mehr zu spüren, weil ihre Ohren selbst kaum was hören, seit dem 12. Lebensjahr ist dies schon so. An sich ist es einem sonst unangenehm, wenn man auf einer Fläche steht und diese vor Musik/Rhythmus bebt… Die nackten Füße  fallen nur nicht weiter auf, weil sie weit geschwungene Hosen trägt. Neben den Guiros Bongos, Tom-Toms, Timbales…. auf der rechten Seite neben dem Dirigentenpult (vom Publikum aus gesehen) ein Marimbaphon und bei der letzten ‚Station‘ ein Drumset wie bei einer Rockband oder BigBand. Und daneben ganz am Rand noch eine Art Metallschüssel, die an zwei Fäden hängt: Steel Pan. Wenn man darauf mit Stöckchen schlägt, erinnert das an Calypso, an Hawaii. Während der Aufführung muß die Solistin immer wieder hin- und hergehen, um die einzelnen Schlaginstrumente zu spielen; obwohl man ihr einmal ansieht, wie ihre Hand vor Aufregung zittert, kommt dennoch auf der Bühne keine Unruhe auf. Die Orchestermusikerinnen und -musiker lassen sich nicht aus der Ruhe bringen; nur im letzten Teil mehrkt man, dass Solistin und Orchester nicht ganz im Takt sind (bei der Passage, die nach BigBand klingt).

Ah und dann sind da natürlich noch die drei Schlagwerker im Orchester selbst: die Pauken, einerder die Glockentöne mit dem Hammer anschlägt und einer mit Glockenspiel, Gong und einer Metallwand, die immer wieder mal geschüttelt  wird, so dass es ein blechernes Geräusch gibt. Wenn alle drei und die Solistin zeitgleich aktiv sind und durch das zurückgenommene Orchester mehr zu hören sind dann wirkt es wie das, was ‚Konzert‘ bedeutet: ein Wettstreit. Allerdings einer, bei dem man schmunzeln muß. Hier geht es nicht darum, den andern fertig zu machen, sondern darum, miteinander zu spielen. Und das klappt erstaunlich gut! Am schönsten ist es, wenn Orchester und Schlagwerk direkt in Dialog treten: ganz deutlich merkt man das beim Klang des Marimbaphons mit der Harfe. Das hätte noch ein paar schöne Takte so weitergehen können….

Als Thema hatte Komponist Christopher Rouse die Geschichte aus Richard wagners „Nibelungen“ als Vorlage genommen. Die Figur Alberich wird in der Oper „Das Rheingold“ von den Rheintöchtern verspottet, all seine Mühe nützten nichts.  Schließlich schmiedet er nicht nur den Unheil bringenden Ring, sondern verflucht auch die LiebeIm Laufe der „Fantasie für Solo-Schlagzeug und Orchester“ wie das Konzert auch genannt wird, werden Motive aus allen Teilen des „Rings verwendet, Rouse beginnt mit dem Ende der „Götterdämmerung“, der Solistenpart ist Alberich, der – musikalisch gesehen – auf die Bühne stürmt. Die Musik schwillt im letzten Satz immer mehr und mehr zu einem bedrohlichen Sturm an, das Drumset wird heftigst traktiert, alles ist in Bewegung – ein Höllenlärm. Und dann plötzlich: fast Stille. Am Ende sind nur noch die Kontrabässe zu hören. Entgegen jeden Vorurteils mit sauberem, leisen, schönem Klang, kein Knarzen und Kratzen stören diesen Schluß. Laut und leise bestimmen das Konzert, mit vielen Nuancen – das macht es so spannend, zuzuhören. Die Guiro, die das Konzert begonnen hat, beschließt es auch wieder. Alberichs Wüten hat ein Ende.

Als Zugabe machte Evelyn Glennie eine Ansprache ans Publikum – sehr erstaunlich für jemanden, der/die nicht hört. Denn wer nciht hört, der spricht meist nicht, auch wenn die Sprechwerkzeuge in Ordnung sind, ganz einfach, weil er/sie ncihts hört. Es folgte ein Solo auf der Snaredrum, das Instrument, dass sie nach eigener Aussage mit auf eine einsame Insel nehmen würde…. dabei lotet sie alle Spielmöglichkeiten aus, die es bei einer Trommel gibt: verschiedene Haltungen der Sticks, mit verschiedenen Teilen des Sticks auf die Membran schlagen, das ergibt jedes Mal ein anderes Geräusch. Nichts, dass man sich stundenlang anhört – aber im Zusammenspiel mit dem Orchester ein insgesamt lohnenswertes Konzert! Am Ende gab es höflichen Applaus, auch ein paar begeisterte waren wohl dabei, auch einige Buh-Rufe. Als Solistin wirkt Evelyn Glennie auch nicht überheblich. Sie spricht mit dem Publikum und geht am Ende zu den Percussionisten im Orchester und bedankt sich für das Zusammen-Spielen.

Umrahmt wurde das zugegeben doch schräge Schlagzeugkonzert von Richard STrauss´Tondichtung über den größten Schürzenjäger der Geschichte, „Don Juan.“ Naja, wer Strauß mag. Für die Dauer dieser Tondichtung ist seine Musik ok, ein paar schöne Passagen sind zumindest dabei.

Am Ende nach der Pause gab es Beethovens 7. Symphonie. Jetzt würden auch die Kritiker-/innen des Schlagzeugkonzerts milde gestimmt und friedlich in den Abend entlassen…Es war wunderbar, diese Musik mal live statt nur von CD zu hören. Ich entdeckte manches, was ich beim CD-Hören überhört hatte… Im Programmheft sind außerdem ein paar interessante Details zu lesen, dass die Uraufführung dieser Symphonie den Gefallenen der Napoleonischen Kriege gewidmet gewesen war (daher der 2. Satz als eine Art Trauermusik). Auch soll dieser 2. Satz Beethovens Trauer über eine verlorene Liebe zeigen; einer Frau, der er sehnsuchtsvolle briefe geschrieben haben soll, deren Identität aber bis heute nicht geklärt ist.

Das Orchester spielte wunderbar – aber ich wurde während der ganzen Symphonie und danach den Eindruck nciht los, dass die Musikerinnen und Musiker mit diesem Dirigenten Mario Venzago irgendwie nicht können. Da wird schon öfter mal grimmig zum Dirigenten geschaut oder genervt oder gleichgültig oder gelangweilt die Noten angesehen beim Spielen. Venzago jedoch macht unverzagt weiter, manchmal wirkt es fast zum Lachen, weil er sich gar so weit vorbeugt um den Celli den Einsatz zu geben oder ihnen zu sagen, wie sie spielen sollen. Gehört hat man diese scheinbare oder tatsächliche Unstimmigkeit zwischen Dirigent und Orchester aber nicht. Das sind eben Profis…

verführungs_kunst: 3. Philharmonisches Konzert im Konzerthaus Dortmund.

Weitere Aufführung: MIttwoch, 11. November, 20 Uhr.

https://www.konzerthaus-dortmund.de/de/programm/konzertkalender/100221140/

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„Kiss me Kate“ , Musical von Cole Porter am Opernhaus Dortmund

Was tun gegen schlechte Laune, Unzufriedenheit und Einsamkeit? Man muß nicht gleich zur/zum Psychologen(in) gehen. Sondern ins Theater. Erst gestern hatte ich in der Redaktionskonferenz von terzwerk mitbekommen, dass manche Vorstellungen des Theaters Dortmund kostenfrei für Studis der TU sind. Ich staunte nicht schlecht. Musical ist an sich nicht so mein Fall; die ich bisher gesehen hatte („The last five years“ am Stadttheater Fürth langweilten mich. Keine Frage, dass die beiden Schauspieler, eine frau und ein Mann, dennoch was geleistet haben. Auch wenn ein Musical selten den inhaltlichen Tiefgang bietet den eine Oper hat ist es schon bewundernswert, wie jemand singen und tanzen kann, ohne dabei sich anmerken zu lassen, dass man außer Atem ist. Ablenkung vom Alltagsfrust hatte ich heute dringend gebraucht; und da kam mir Cole Porter mit „Kiss me Kate“ grade recht. So wie es zu Beginn heißt: „forget your present, forget your past.“ Genau das wollte ich heut abend tun. Und es wurde mir im Opernhaus Dortmund an diesem Abend nicht langweilig. Trotz der fehlenden inhaltlichen Tiefe.

Schon zu Beginn macht die Musik einfach Spaß. Ich möchte grad aufstehen und mittanzen, Hände und Füße wippen sowieso mit. Ein Orchester, das gut spielt und Spaß an der Musik hat und mit dem , was auf der Bühne geschieht, gut harmoniert. Das „Spiel im Spiel“ (im Musical „Kiss me Kate“ proben Schauspieler-/innen Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung) sorgt für zusätzliche Gags. Bill Calhoun (gespielt von Josef Hofmann) soll Baptista Minola, den Vater der beiden ledigen Töchter spielen. Der große Kragen und seine Kleidung verleihen dieser Figur immer etwas tollpatschiges. Erst recht, weil seine widerspenstige Tochter Katherina, wenn sie neben ihm steht, größer als er ist.

Spiel im Spiel: In Baltimore also finden die letzten Proben einer fahrenden Theatertruppe statt. Sie wollen „Der Widerspenstigen Zählmung“ von William Shakespeare aufführen. Regisseur, Hauptdarsteller und Ex-Mann Fred und seine Ex-Frau Lilli Vanessi streiten sich privat wie auf der Bühne; Lilli hat passenderweise auch noch die die Rolle der widerspenstigen, grantigen, immer wütenden Katherina in Shakespeares Stück inne. Ein an Lilli falsch zugestllter Liebesbrief von Fred  an seine neue Flamme Lois sorgt zusätzlich für Lillis Zorn. Die Fortsetzung der Vorstellung ist gefährdet… noch dazu tauchen zwei Gangster im Nadelstreif auf, um Spielschulden (angeblich von Fred) einzutreiben. Es ist herrlich witzig, wie die beiden in bester Wiener Schmäh, auf Österreichisch reden – fies, frech, boshaft und mit rauhem, fordernden Charme. Der Inspzizient Ralph kann einem fast leid tun bei dem chaotischen Chef, damit die Organisation dennoch noch glatt läuft…

Mit der Treue, da nimmt es in dieser Theatertruppe niemand so wirklich ernst. Dafür ist es ein Musial, das Theater, das Illusion bietet. Das, was im wahren Leben nicht ist und auch keinen (langen) Bestand hätte. Wie Nedime Ince als Lois Lane singt: „I love you in my own way.“ Wenn eine Affäre ums Eck kommt, die Diamant-Armbänder oder schöne neue Kleider verspricht – warum sollte Lois als  arme Theaterschauspielerin nein sagen? Sie ist kein Kind von Traurigkeit und will den Sex auch nicht nur wegen der versprochenen Geschenke haben. Über negative Folgen von Affären reden wir mal nicht… dafür ist es ein Musical. Die Tanzeinlagen und Gesang sind jedes Mal ein Genuß für die Zuschauer-/innen.

Allerdings fällt auf, dass nur die weiblichen Darsteller in Strapsen tanzen und im Rampenlicht stehen, nur am Rande sieht man manchmal einen nackten männlichen Oberkörper.

„Kiss me Kate“ – das ist nicht „nur“ guter Swing und das sind nicht nur tolle Tanzeinlagen, das ist auch das ewige Spiel zwischen den Geschlechtern, warum man sich nicht mehr versteht, warum Frau „plötzlich“ so kratzbürstig und boshaft ist. Gerade letzteres hat mir gut gefallen: Shakespeares Figur „Katherina“ , wie sie „I hate men“ mit einer Vehemenz singt und sogar dem Dirigenten den Stab aus der Hand reißt. Und sie fragt, wozu die Männer überhaupt da sind, denn sie würden doch nur Ärger in Form eines Kindes bringen, nur sie hätten Spaß beim Sex, bzw. geht es nur um sie, die Männer und ihre sexuelle Lust. Wie zeitlos und wahr das ist! Erst vor kurzem wurde wieder irgendein seltsames Medikament vorgestellt, dass lustlosen Frauen zu mehr Freude am Sex verhelfen soll. Sieht man sich die Sache genauer an, geht es gar nicht um die Lust der Frau sondern allein darum, möglichst immer dem Mann als Sexpartnerin zur Verfügung zu stehen. Pfui Deifl! Nein, nicht mit uns!

Hinter der Bosheit und Kratzbürstigkeit der Figur „Katherina“ in „Der Widerspenstigen Zähmung“ kann Enttäuschung über die Nicht-Anerkennung ihrer selbst stecken, auch fehlendes Geliebt-Sein (nicht im Sinne von Sex).

Die „Lösung“ , um Katherina klein zu kriegen und gefügig zu machen, sind für ihren Verehrer Petruchio (Figur Fred) Schlaf – und Nahrungsentzug. Nach heutigen Maßstäben wäre der Ehemann Petruchio nicht nur ein notgeiler Arsch und Schürzenjäger, sondern auch ein Folterer, ein Straftäter. Katarinas Bekenntnis dann, daß doch von Frauen nichts Böses kommen könne und Frauen nur zur Versorgung und Freude des Mannes da seien: hätte man die Theaterbesucher-/innen gefragt, hätten viele diesen Sexismus verneint. Auf der Musical-Bühne gibt es nur Illusion. Also Hirn ausschalten und nur genießen? Leider können wohl viele Rezipient_innen dennoch Dichtung und Realität nicht auseinanderhalten. Sieht man sich die Wirklichkeit an, existieren diese höchst fragwürdigen Zustände, werden gelebt und nicht hinterfragt. Es ist ein Skandal, dass bis heute im 21. Jahrhundert immer noch die meisten Frauen allein für Kinder und Haushalt da sind und höchstens Teilzeit oder in schlecht bezahlten Jobs arbeiten. Nicht anders funktioniert leider auch die Wirtschaft in Deutschland weil viele ARbeitgeber davon ausgehen, dass die Frau zuhause bleibt oder höchstens Teilzeit arbeitet. Nein danke, sage ich da nur.

Klar wäre es Quark, jetzt das Theater zu beschimpfen, sie würden ein frauenfeindliches Stück spielen. Theaterstücke sind immer ein Spiegel ihrer Zeit. Die Entstehungszeit von Cole Porters „Kiss me Kate“ war eine frauenfeindliche Zeit., die nur mit schönen Farben und Glanz von Konsumgütern übertüncht wurde. Jede Theaterbesucherin und jeder Theaterbesucher ist aufgefordert, bei allem Spaß an der Musik, dem Tanz und den bunten Kostümen die untertänigen Worte der Figur Katharina zu reflektieren, um im Leben, in der Realität Ungerechtigkeiten und sexistischen Vorurteilen (vor allem gegenüber Frauen) entgegenzuwirken oder gar nicht zuzulassen.

Kiss me, Kate , Musical von Cole Porter, Theater Dortmund. Weitere Vorstellungen: http://www.theaterdo.de/detail/event/16026/

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Diese Woche (KW 33 vom 10. – 15. August 2015: Die Initiative von amnesty international zur Legalisierung von Prostitution

Wieder ein – vor allem aber nicht nur – Frauenthema. Und da muß ich meinen Senf dazugeben, weil mir 2 Frauen, jeweils vom gegnerischen Lager, auf die Nerven gehen.

Mein Hörerinnenbrief an DRadioKultur.

Sehr geehrte Damen und Herren,
mit großem Interesse habe ich die Beiträge und Diskussionen zum Vorschlag von amnesty international , die Prostitution zu legalisieren, verfolgt.
Es ist dabei zu bemerken dass:

– jede Seite nur ihre Sicht hat und dabei auch Scheuklappen auf hat.

Verwirrt und auch geärgert hat mich die Schriftstellerin Pieke Biermann mit ihrem Kassiererinnen-Vergleich. Es ist wohl ein grooßer Unterschied, ob ich meinen Körper verkaufe oder an der Kasse bei Aldi Zahlen eintippe und Waren verrechne! Ihr Einwand mit der Schauspielerei stimmt natürlich, das ist der wunde Punkt, wenn man nackt auf der Bühne oder im Film sein soll, weil es die Szene und der Regisseur (die sind meistens männlich) verlangt.

– Thema Freiheit.
sicher soll jeder die Freiheit haben zu tun und zu lassen, was man will. Aber wie weit soll die Freiheit gehen? Ist es wirklich Freiheit, wenn Frauen aus wirtschaftlicher Not, weil sie sonst keinen Job finden, sich als Prostituierte anbieten? Dazu gab es in Ihrem Sender mal einen guten Bericht aus Berlin über einen Caf´ebetreiber, der hauptsächlich solche Frauen als Kunden hat, weil bei ihm das Essen für diese Kundinnen noch bezahlbar ist und sie dort auch keine „sexuellen Dienstleistungen“ anbieten müssen.

– auf fluter.de und auch in der Druckversion dieses Heftes der bpb gab es mal ein sehr gutes Interview mit einem Polizisten der alles andere als begeistert ist über die Regelung der damaligen rot-grünen Bundesregierung – weil er nicht mehr so einfach ein Bordell kontrollieren kann, um Zwangsprostitution aufzudecken. Allgemein habe ich den Eindruck – vor allem auf dem land! – dass die deutsche Polizei dringend, dringend geschult werden muß in Sachen Prostitution, wenn Zwang und Gewalt im Spiel ist (Aber was sollen wir ach so tollen erfolgreichen Bayern auf die blöden Berliner hören, hahahaha! )

– Das Interview mit Johanna Weber von dem noch nicht allzu lang existierenden „Berufsverband für erotische Dienstleistungen“ auf DRadioWissen war mal wieder mehr als unterirdisch.
http://dradiowissen.de/beitrag/prostitution-amnesty-fordert-legalisierung

Wichtige Fragen wurden nur angetippt, nicht ausgesprochen und beantwortet.
Sicher hängt es vom eigenen kulturellen Hintergrund ab was man empfindet, wenn man Prostituierte auf z. B. der Reeperbahn sieht. Ich persönlich kann den Satz von Frau J. Weber nicht nachvollziehen, sie hätte als Taxifahrerin den Anblick von Prostituierten als „toll“ empfunden und hätte das erfahren wollen wie das ist, so zu arbeiten.

Aber gut, das ist ihre Sache.
Ich hätte der überzeugten „Hure“ wie sie sich selbst bezeichnet (und dabei es nicht als Schimpfwort empfindet) als Moderatior_in die Frage gestellt: „..und was machen Sie, wenn Ihr Kunde gewalttätig wird? Wünsche äußert, die Sie so nicht wollen bei den Sexpraktiken? Hatten Sie nie das Gefühl, sich vor einem Mann ekeln zu müssen? Sind Priostituierte wirklich immer Herrinnen der Lage?“

Offensichtlich ist es so, dass es Frauen gibt, die es toll, sogar abenteuerlich finden, ständig andere Männer im Bett zu haben. Es gab mal ein Interview in den Nürnberger Nachrichten bei dem eine Prostitutierte tatsächlich gemeint hätte, dass nur die Freier ihr wirklich Respekt entgegen bringen würden… nachzuprüfen ist das nicht, genauso wie die Gründe, weshalb – meistens Männer – diese ’sexuelle Dienstleistung‘ in Anspruch nehmen.

Und Zwangsprostitution ist zu verurteilen – daran zweifelt niemand, der Verstand hat! Deshalb finde ich die Sicht von Lea Ackermann einseitig. (Interview hier: http://www.deutschlandradiokultur.de/debatte-ueber-sex-arbeit-ein-jahr-in-der-prostitution-und.1008.de.html?dram:article_id=328077 ) Sie sieht durch ihre Arbeit nur die eine Seite, die dunkle Seite des Prostiutionsgeschäfts. Mich regt diese Frau deshalb auf, weil sie auch noch aus dem kirchlichen Lager kommt. Die katholische Kirche verurteilt jede ARt von Sexualität und Erotik, es geht nur darum Nachwuchs zu zeugen. Sowas wie Lust, erst recht nicht von seiten der Frau, darf es nicht geben. Ich habe diesen verlogenen Verein selbst erleben müssen, diese Bigotterie, die da geduldet wird: einerseits alles Sexuelle verurteilen, gleichzeitig die Vorherrschaft von Männern dulden, in Ämtern (Frauen haben NICHTS zu sagen in der kath. Kirche!) und zulassen, dass Frauen (und Kinder) mißbraucht, zum Sex gezwungen werden, weil die Mädchen dumm gehalten und nicht aufgeklärt werden (huch, woher kommen plötzlich all die Kinder gern von Minderjährigen oder noch nicht ganz volljährigen jungen Frauen auf dem Land her? – Seltsam. Ach, das sind ja „Geschenke Gottes“, die mal so eben zusammen mit dem Regen vom Himmel gefallen sind! – Pfuil Deifl!) . Auch wenn Frau Ackermann gute Intentionen haben mag: solange sie – noch dazu als zur Keuschheit verpflichtete Ordensschwester – für diesen Verein arbeitet, ist sie UNglaubwürdig.
Bevor jemand von der katholischen Kirche ein Prostitutionsverbot fordert, soll dieser drecks verlogene Verein erst mal in seinen eigenen Reihen mehr Rechte für Frauen einrichten und die sexuelle Lust von Frauen, die es gibt! – anerkennen!
Eine Therapie von Verwaltigungsopfern und Zwangsprostituierten muß auch immer zum Ziel haben, dass jede Frau den Glauben, dass Sex auch schön für sie sein kann, wieder gewinnt (ob es immer gelingt, ist die Frage, aber es ist ein wichtiger Punkt). Denn alles andere würde eine Stigmatisierung der anderen Seite bedeuten und auch die sexistische Ansicht bestätigen, dass sowieso alle Männer nur böse, sexsüchtig und gewalttätig seien. Man muß dabei auch beachten, über welches Land man spricht, also kulturelle Hintergründe beachten.

Ein Verbot der Prostitution zu fordern ist einfacher, als sich mit den Wurzeln und den Fakten zu befassen.
leider gibt es immer noch viele Männer, die meinen, öfter oder ständig Sex haben zu müssen – aus welchen Gründen auch immer. Das Geschäft der Pr. gibt es schon sehr lange, diese ‚Dienstleistung‘ ist also gefragt. Deshalb: Prostitution zulassen, solange diese Frauen es freiwillig und ohne wirtschaftliche Not machen und mit gesetzlichen – und deshalb kontrollierbaren -Auflagen vom Staat! Auch jede andere Branche, der Gartenbau, die Metallindustrie etc. müssen sich an Auflagen halten. Weil es bei der Prostitution  nicht um Waren, sondern nur um Menschen und ihren Körper und ihre Gefühle geht, müssen diese Auflagen auch genauer formuliert udn strenger kontrolliert werden. Wie weit die Regelungen und Kontrollen gehen, darüber muß möglichst sachlich diskutiert werden. Wie beim Arbeitsschutz in einem Unternehmen muß der Schutz der Beschäftigten an vorderster Stelle stehen.

Mit freundlichen Grüßen

A.St.

Weitere Informationen, mehr sachlich und weniger aufgeladen hier:

http://www.deutschlandfunk.de/reform-des-prostitutionsgesetzes-heikle-mission-im-rotlicht.724.de.html?dram:article_id=312773

TRÄUM VOM MEER. Das Sommerkonzert des Psycho-Chores der Universität Jena am 18. Juli 2015

Den ganzen Tag eine feuchte Hitze, immer hat man einen feuchten, lästigen Film auf dem Gesicht… auch das ist Sommer. Keine gute Voraussetzung für gleich 2 Konzerte an einem Tag. Doch der Psycho-Chor der Universität Jena hat es ganz gut geschafft. Am Freitag in Berlin, trat dieser Chor am Samstag den 18. Juli um 16.30 Uhr und 20 Uhr im Volksbad Jena auf.

Das „Volksbad“, das in Nürnberg leider ein trübes Dasein als leerstehendes, verfallenes Gebäude fristet (einziger öffentlicher Besichtigungstermin in letzter Zeit: https://www.youtube.com/watch?v=TLxGQcEAlzI ), hat die Stadt Jena einen Veranstaltungsort daraus gemacht. Besser als leerstehend und verfallend, ja. Aber von der einstigen möglicherweise kühlen und frischen Atmosphäre ist nichts mehr zu spüren. Daran können auch die schönen muschelförmigen Ornamente am Eingang nichts ändern.

Kaum ist man oben, spürt man die Wärme. im Veranstaltungsraum, der ehemaligen Bade-Halle, ist das Becken mit einem glatten Metallboden belegt. Kein gutes Gefühl, das erinnert irgendwie an Schlachthaus. Aber weil die Stühle darauf stehen, fällt es nicht so auf. Der silbern glänzende Metallboden ist das einzig kühle im ganzen Raum (sieht man von den hochpreisigen Getränken an der Bar ab). Zunächst ist die Wärme aber egal, ich setze mich hin und freue mich auf das, was kommen wird. Hier und da begrüßen Chormitglieder Leute aus dem Publikum; das ist eben Jena, da kennen viele sich und als Chorsänger_in freut man sich ja auch, wenn Freunde, Kollegen oder eventuell auch Verwandte kommen. Das ist schön zu beobachten, auch schön, es selbst zu erleben (denn über die meisten Gäste freut man sich ja.

Die Sängerinnen und Sänger treten auf. Sie bleiben im Halbkreis um das Publikum herum stehen, die Bühne ist noch dunkel. „Evening Rise“ gibt es zur Eröffnung – ein schöner Anfang für ein Konzert. Als der Chor auf die Bühne tritt, fällt mir auf, dass die Sänger und Sängerinnen ihr Outfit geändert haben: ich kenne die Damen noch mit bunten , um Hals oder Körper geschwungenen Tüchern, die Herren mit Krawatte… heute trägt nur der Chorleiter eine rote Krawatte, die Herren tragen einfarbige Fliegen in verschiedenen Farben. Die Damen haben bunte Blumen im Haar oder an der Jacke. Das ist grundsätzlich eine tolle Idee, das für Musiker_innen übliche Schwarz aufzuhellen, schöner zu machen, weniger trist. Das ist grundsätzlich eine tolle Idee, das für Musiker_innen übliche Schwarz aufzuhellen, schöner zu machen, weniger trist. Allerdings: zwei verschiedene Farben hätten gereicht. So wird es etwas arg bunt.

Bunt ist auch die Musikmischung, die der Psycho-Chor Jena bei seinem Sommerkonzert „Träum vom Meer“ bringt. Pop, ein Stück jüdische Musik, ein Stück Renaissance, Gospels… fast zuviel des Guten. Spaß macht das Zuhören allemal, allerdings blieben ein paar Wünsche offen.

Das Thema Sehnsucht nach dem Meer kann nur wirklich der Song „Westerland“ vo Farin Urlaub ansprechen. Wär ich doch auch gern bald wieder am Meer, an der Nordsee!  Bei „Stand by me“ von B.E. King wundert man sich, warum die Sängerin nur bei einer Strophe ein Solo singen darf – die Stimme war so schön, dass man erwartet hätte, sie würde öfter allein singen. Ein großes Lob muß der Rhythmusgruppe (meist die Tenöre und die Bässe) ausgesprochen werden! Trotz minimaler Unsicherheiten haben sie fast immer durchgehalten…und der Rhythmus ist für jeden guten Song wichtig. Mit dem Kontrast von „Stand by me“ zu einem deutschen Volkslied wie „von den zwei Hasen“ ist man zunächst überrascht; der Überraschungsmoment zum Ende des Stücks gelingt jedoch. „Deutscher Meister“, im Original von den Wise Guys, na das ist eben was für Fußballfans. Für dieses Lied gab es den meisten Applaus. So populär ist Fußball, auch wenn es nur die 4. Liga ist….

Der Psycho-Chor ist bekannt dafür, dass sein Repertoire hauptsächlich im Bereich der sogenannten Unterhaltungsmusik liegt (Rock, Pop, Gospels u. ä.) Das merkte man auch bei diesem Konzert: Stücke wie „Weep, o mine eyes“ von John Bennet klingen leider recht matt und gleichförmig. Der Chor scheint sich mit derartigen Stücken aus der Renaissance auch nicht wirklich wohl zu fühlen; beim nach Bennet folgendem „ye followers of the Lamb“ singen die Musiker_innen mit mehr Einsatz, die Musik ist überhaupt nicht mehr langweilig.  Als ich „Here comes the sun“ von George Harrison im Programm las, freute ich mich schon sehr auf den Song. Warum „Here comes the sun“ aber von einem kleinen Frauenchor gesungen wird, der noch dazu im Dunkeln steht (WHERE is THE SUN?), der noch dazu recht matt klingt, so als ob man beim Spazierengehen aus einer spontanen Laune heraus das Trällern anfängt… das ist rätselhaft. Der Groove, die Lebendigkeit des Originals kommen bei der Interpretation von „Here comes the sun“ vom Psycho-Chor Jena überhaupt nicht rüber – schade. Das Sonnenschild zum Schluß in der hinteren Chorreihe.. also das hätte wirklich nicht sein müssen. Das wirkt behelfsmäßig so in der Art: tschuldigung, besser können wir es nicht. Eine Wonne hingegen das „Fields of gold“ von Gordon Matthew Summer (Sting)… da möchte man, dass der Chor nicht so schnell aufhört zu singen, so schön kann man bei dem Klang träumen – und das Licht stimmt dabei.

Großen Spaß dürften die Sänger beim Dschungelbuch-Medley gehabt haben… so eine witzige Performance als Affen, Elefanten und was es sonst noch an Tieren im Dschungel gibt… ! Und nein, sie machen sich nicht zum Affen. Der Chor ist immer in Bewegung, so scheint es, steht nicht starr in Wachs gegossen da. Das paßt auch zu den meisten Liedern, zu unruhig wird es nicht. Der Wechsel in andere Tonarten bei einer Wiederholung des Refrains gelingt ohne Schwierigkeiten – sehr angenehm fürs Zuschauer_innenohr.

Auch wenn man das Lied schon kennt, ist „Probier´s mal mit ´nem Baß“ ein Spaß zum Zuhören – und wohl auch zum singen. Die Gruppe von nur wenigen Männern schafft einen guten Groove, der Solist wirkt etwas aufgeregt, er singt nicht ganz frei – dennoch Respekt und Applaus für´s Baß-Solo.  Ob es so „all night long“ weitergeht, wie Lionel Ritchie sang? Die Interpretation dieses Songs hat mir sehr gut gefallen: zuerst das Intro mit Rausch- und Rhythmusgeräuschen (gemacht durch die Herren im Chor) und eine tolle schöne Solostimme. Aber bitte, lieber Psycho-Chor, müßt Ihr am Ende Eurer Konzerte immer die Kitschschublade aufmachen??? So gut und schön wie Eure Popsong-Interpretationen sind… dieses kitschige „Engel“ von Richard Z. Kruspe u. a. hätt es wirklich nicht gebraucht. Es stößt auch sauer auf, wenn gerade die Frauen „wir sind allein und fürchten uns“ als Engel singen müssen – bitte Schluß mit diesem Sexismus, mit diesem Unsinn, Frauen seien immer schwach und Männer stark. Diese Kathegorisierung hilft weder den Frauen noch den Männern. Man kann es auch andersherum betrachten: der Psycho-Chor Jena hat keine Angst vor seichten Stolperfallen. Hoho. Bei dem einen Konzert im Winter in Alt-Lobeda habe ich ebenfalls ein furchtbares „Lied“ in Erinnerung…

Nach einem langen Abend geht das Sommerkonzert mit „Träum vom Meer“ von Daniel Dickopf (Wise Guys) zu Ende (Liedzeile: „Es war ein langer Tag…“). Das „Royals“ von Joel Litile u. a. hätte es danach nicht mehr gebraucht – aber witzig war es allemal.  Die freche und lebendige Moderation von einem Sänger, dessen Name leider im Programm unerwähnt bleibt, ergänzte gut den Abend… mangels Programmhefttext ist eine gute Moderation auch notwendig.

Fazit: vom Schwung und der Lockerheit, die der Psycho-Chor Jena hat, kann sich manch anderer Studentenchor in Jena eine große Scheibe abschneiden, weil er in letzter Zeit gern zu steif und fast schon prüde wirkt. Allerdings würde man sich vom Psycho-Chor mehr Ernsthaftigkeit wünschen, wenn sie Stücke aus der Renaissance singen. Da hilft es nichts, wenn man nur auf die Dynamik (laut/leise) achtet.

Beschwingt mit Musik im Ohr – v. a. mit Farin Urlaubs „Westerland“ – radel ich nachher nach Hause. Wie kühl es draußen plötzlich wirkt…  dabei sind die angekündigten Unwetter (Gewitter und Starkregen) ausgeblieben. Nur auf dem letzten Kilometer fängt es zu regnen an.

Wettertechnisch ist Jena sowas von langweilig.

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Die „Kalte Schnauze“

In den vergangenen Wochen fanden die Sommerkonzerte des Studentenchores Jena in und um Jena herum statt. Dazu hatte ich das erste Mal eine vegetarische Variante der „Kalten Schnauze“ gemacht. Da mich viele nach dem Rezept gefragt haben: hier kommt es. Aber zuerst gibt es die Entstehungsgeschichte zum Namen, der doch ungewöhnlich ist. „Kalte Schnauze“ ist ursprünglich was Süßes, bei mir ist die „Kalte Schnauze“ aber eine salzige Speise.

Wie ich dieses Essen kennenlernte.

Die „Kalte Schnauze“, die eine im Original mit Räucherlachs und Spinat gefüllte Blätterteigrolle ist, hieß anfangs noch nicht so. Meine Mutter brachte das Rezept von ihrer Arbeit nach Hause. Eine Kollegin hätte ihr das gesagt und sie wolle es mal ausprobieren. Diese Kollegin V. galt in der Belegschaft als fleißig und pflichtbewußt, allerdings hatte sie eine laute, derbe, kaltschnäuzige Waffel. Einmal durfte ich Madame V. kurz erleben, als meine Mutter Dienstschluß gehabt hatte.  Man mußte es so deutlich bezeichnen. Ob ein ekelhafter Ehemann, von dem sie möglciherweise finanziell abhängig war und deshalb nicht von ihm los konnte die Ursache war oder ob es die – nicht guten – Arbeitsbedingungen in dem Pflegeheim waren…. Ich hatte mir diese Speise gemerkt und in meine eigene Rezeptsammlung aufgenommen.

Dann wohnte ich endlich nicht mehr bei der Familie zuhause und hatte eine eigene Wohnung, 70 km vom Kaff entfernt, wo ich aufwachsen hatte müssen. Ich gewann Freunde und hatte immer wieder auch mal ARbeitsstellen nach der Ausbildung. Irgendwann stand mal wieder ein Geburtstag einer Chorfreundin bevor. Und ich meine, dass meine Freundin T. das vorher schon mal gegessen hatte, als ich es mit zum Chor gebracht hatte…. ich erzählte T. am Telefon vor ihrem Geburtstag die Entstehungsgeschichte. Und fragte sie, was sie denn gern zum Geburtstagsessen hätte. Darauf T.:“ na dann mach doch einfach die Kalte Schnauze.“

Daher hat die mit Spinat und Lachs gefüllt Blätterteigrolle ihren Namen 😀

So, jetzt gab es genug kulturgeschichtlichen Hintergrund… wenn Euch verehrte Leserinnen und Leser meines Blogs jetzt das Wasser im Mund zusammenläuft: hier kommt das Rezept! Man muß etwas feinfühlig mit dem Blätterteig umgehen, aber im insgesamten dauert die Zubereitung nicht lange.

“Kalte Schnauze”

ZUTATEN:

Je nach Personenzahl : Tiefkühl-Spinat ungewürzt (eine halbe Packung vom Rewe reicht für 1 Rolle Blätterteig), Pfeffer, evtl. Bohnenkraut (für den Geschmack), etwas Kümmel, Salz, Schmand (oder fetteren Quark, was eben zur Hand ist…), 1 PackungRäucherlachs oder Tiefkühl-Lachs (bei letzterem reicht 1 Filet), Blätterteig als Rolle aus dem Kühlregal, Sesam oder blättrige Mandeln oder gemahlene Haselnußkerne, etwas Mehl.

ZUBEREITUNG:

Spinat auftauen, mit etwas Wasser in einen Topf geben. Leicht köcheln lassen, bis er durch ist, würzen. Schmand dazu – wieviel, das muß man abschmecken. Ich nehme welchen, damit der Spinat milder schmeckt und verfeinert wird. Etwas Mehl dazu, damit die Masse nicht triefend, sondern fester wird (damit die Füllung saftig ist, aber auch nicht davon läuft – ist etwas Fingerspitzengefühl gefragt). Man kann auch noch Mandeln, gemahlene Haselnüsse oder Sesamkörner dazu geben. Falls der Spinat zu flüssig werden droht: etwas Haferflocken rein, die saugen die Flüssigkeit gut auf und binden die Spinatmasse.

Topf vom Herd nehmen, Masse abkühlen lassen! Sonst hat an Hitze-Löcher im Blätterteig!  Sollte nur noch lauwarm sein (Fingerprobe), zur schnelleren Abkühlung die Spinatfüllung auf einen Tortenteller o.ä. verteilen.

Zubereitung Lachs: den Räucherlachs kann man am Ende der Zubereitung in den Spinat geben. Den Tiefkühl-Lachs salzen, pfeffern und mit Zitronensaft beträufeln, dann in Butter anbraten (der schmeckt schon so gut dann, dass ich immer in Versuchung bin, ihn sofort zu essen…)

Den Blätterteig ausrollen – am praktischsten ist es, wenn man das schon auf dem Backpapier, das auf dem Blech ausgebreitet ist, tut. Evtl. Semmelbrösel drauf streuen, dann die Füllung darauf gleichmäßig verteilen. vorsichtig aufrollen. Auf der Oberseite der fertigen Rolle etwas gesalzenen Schmand drauf streichen, Sesamkörner oder Mandeln drauf streuen und ca. 20 Min backen. Fertig ist die “Kalte Schnauze”, wenn der Blätterteig durch ist, also eine ‘blättrige’ Konsistenz erkennbar ist.

Für die Chor-Baggage habe ich die vegetarische Variante ohne Lachs gemacht (macht auch satt), weil es dort gefühlt mehr Vegetarier_innen gibt als Alles-Esser_innen. Aaah, dieses Veggie-Diktat! ;-)) da fühlt man sich als Fleischesserin gleich unterdrückt! 😀

Nein, Spaß beiseite. So isses nicht. Das schöne ist, dass beide Gruppen im Chor akzeptiert sind.

Ah, noch was zum Schluß: niemand ist vom Verzehr der „Kalten Schnauze“ kaltschnäuzig geworden…

Zwar dachte ich, ein Bild gemacht zu haben , es war aber keines im digitalen Bilderwald auffindbar. Daher: die Reste vom Sommerfest gestern. So schnell ist die Kalte Schnauze oft weg! eine Chorkollegin schrieb mir heute und bedankte sich nochmals – und fügte hinzu: „….wie das klingt: ich liebe deine Kalte Schnauze.“ – ich habe herrlich gelacht.

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„Der Freischütz“ , Oper von Carl Maria von Weber , dargeboten vom Universitätschor und -orchester Jena

Jeden Sommer gibt Universitätsmusikdirektor Sebastian Krahnert mit seiner Mannschaft, der Akademischen Orchestervereinigung und dem Universitätschor eine Oper  zum Besten – im Innenhof des UHG. Dort sitzt es sich schön  – wenn bei der Opernaufführung auch recht eng und kuschelig.

Danke an G,, der im Orchester die tiefen Streicher unterstützt und gleichzeitig in einem anderen Chor mein Sangesbruder ist. Er hat mich noch aufmerksamer gemacht und ich habe mir rechtzeitig eine Karte gekauft, um dann auch hinzugehen. Baldige Planung und ein dicker Vermerk im (analogen) Kalender : dann klappt es auch im stressigen Unialltag mit dem Opernbesuch!

„Der Freischütz“ ist meine absolute Lieblingsoper. Viele Hits sind darin enthalten von denen ich mir wünsche, sie mal selbst singen zu dürfen… aus vollem Halse „Victoria“ singen, das wäre es mal! Allerdings war ich zu Beginn gespannt, wie die Inszenierung aussehen würde. Großartiges erwartete ich nicht, denn auch wenn einige Profis mit dabei waren so konnte es keine professionelle Bühne sein.

Im Hintergrund: Schattenbilder von Bäumen, die auf den Wald hindeuten. Die Säulen der Arcaden im Universitätshauptgebäude = UHG (die alte Uni, das ehem. Fürstenschloß in Jena) ist im Sommer immer mit Wein bewachsen – das paßt gut zum Bühnenbild. Die künstlichen Baumstämme am Bühnenrand wirken eher grotesk: ein paar Mal stoßen die Sängerinnen und Sänger dagegen und die Plastikbäume biegen sich… fast schon wieder lustig (fast ein Gummibaum-Wald 😉

Bei der Ouvertüre schon fällt auf, wie gut die Musiker_innen drauf sind. Und das bei der Hitze. Wow! Das schöne Klangbild setzt sich die ganze Oper hindurch fort. Da sitzen nicht nur Profis drin und sie klingen viel, viel besser als das Profiorchester, das ich vor Jahren bei „Manou Lescaut“ in Gera gehört hatte! Großes Plus für die instrumentale Musik. Beim Gesungenen nicht immer…

Am Anfang kommen alle auf die Bühne gelaufen, um den siegreichen Schützen mit dem Lied „Victoria“ zu feiern. So schön wie es klang: das Lied hätte noch freudiger ausfallen können, am Ende wären ein paar laute Jubelrufe schön gewesen. Der Sieger beim Schießen ist dann auch seltsamerweise ein US-Soldat, der großspurig in seiner Uniform auftritt und dem nicht viel außer „Fucking Germans“ einfällt. Das allein wäre noch ok, aber warum muß er einen angedeuteten Hitler-Gruß machen und blöd lachen dabei?? Der Hitler-Gruß ist auch im Theater nicht lustig! Dass er mit einer der Damen anbandelt… na das kennt man ja. Also diese Figur hätte man getrost rauslassen können!

Damit aber nciht genug mit Gotesken in dieser Oper.

Die Jäger sind von Anfang an nur in Anzüge gekleidet. Keine Jagdkleidung, kaum Waffen, keine Hüte…Anfangs ist das noch erträglich, aber WARUM muß bei der Hochzeitsfeier der Jägerchor aus – oh Schock einem Heer aus häßlich braun, braun-grünen Anzügen mit roten Krawatten bestehen?? Diese häßlichen furchtbaren Anzüge würden – ohne rote Krawatte – übrigens auch zu einem reaktionären CDU-Parteitag in den 1950er Jahren im Westen passen.  Noch dazu hat der Jägerchor einen Pseudo-Chorleiter, der vom Förster angewiesen wird, mit dem Chor das Singen anzufangen. Das muß schief gehen – und so klang es dann leider auch. Gerade einer meiner Hits dieser Oper ist so mißlungen: die Höhen stimmten nicht, das Tempo mit dem Orchester auch nicht. Fast wirkte es so, als sollte es so sein, als sollte dieses Lied lächerlich gemacht werden. Grundsätzlich ist sowas in Ordnung – aber nicht beim Freischütz!

Die Damen sitzen bei der Hochzeitsfeier getrennt, so wie sich das für eine traditionelle Gesellschaft gehört. Sie tragen immer noch die Kleiderschürzen, Schürzen und Kopftücher vom Anfang. Ännchen, die Freundin der Braut Agathe, trägt ein rosa Kleid, das aber ob der dazu getragenen Kampfstiefel nicht niedlich wirkt.  Keine Festkleidung bei den weiblichen Gästen? Nur die Braut in Weiß gekleidet, aber ohne schöne Frisur? Warum das so ist, wird klar, als der Tisch oberhalb der sitzenden Frauen mit einem roten Tuch gedeckt und im Hintergrund an die Wand der  leicht lädierte aber noch lesbare Schriftzug „Nie wieder Krieg“ hingehängt wird.

Oh nein Leute, das ist jetzt nicht Euer Ernst, die Hochzeit im „Freischütz“ als SED-Parteitag (oder eben eine sozialistische Veranstaltung) zu inszenieren??? Sozialismus-Verarschung? Die Damen und Herren des „Festkommitees“ sind natürlich alle feiner angezogen, aber sehr zurückhaltend im Stil, nichts auffälliges. Anfangs dachte ich noch, ganz rechts am Tisch sitzt eine Vertreterin des sozialistischen Bruderlandes aus dem fernen China.

Jetzt ging mir auch auf, warum die weiblichen Hochzeitsgäste immer noch ihre Kittelschürzen anhaben. Das ist ARbeitskleidung, in deren Taschen sie immer ein Gartengerät, eine Schere oder sonst ein kleineres Werkzeug haben, allzeit bereit, den Sozialismus weiter aufzubauen. So gehört sich das als ordentliche DDR-Staatsbürgerin. Genauso wie die Katholikin immer schön brav zuhause Mann, Kind und Haus zu versorgen hat. Meine CSU-wählende weibliche Verwandtschaft trug auch diese häßlichen Kittelschürzen.

Zu den Sänger und Sängerinnen:

Leider versteht man Ännchens Text nciht so gut – aber die Einzelstimmen klingen wunderbar! Die Höhen stimmen, ich hörte gern zu. Ännchen ist auch etwas frech zu Max, spöttisch… nun, sie hat es leichter, denn sie ist ja nciht in ihn verliebt!  Eine sympatische Rolle. Der asiatische Sänger als Max: tolle Stimme! Dass man bei den Sprechtexten den Akzent hört, ist unwichtig. Total witzig ist der Jungfernchor, weil die Sängerinnen eben so unbeholfen auf die Bühne kommen. Das sorgt für ein paar Lacher im sonst stillen Publikum (huch, die neben mir war auch grad laut – ooooh!) Toll gemacht!

Der Sänger des „Kaspar“ hat einen tollen Baß: tief und voll klingt seine Stimme. Allerdings muß man als Zuschauer_in fast Mitleid haben, wenn man diesen dicken Mantel sieht, in dem er steckte.. Schön die Inszenierung in der „Wolfsschlucht“, als die Freikugeln gegossen werden sollen: Im Zwischenraum der verschiedenen Bühnenebenen sieht man den Chor, als Untote verkleidet im roten, nebeligen Licht. Das sorgt für den richtigen Grusel. Allerdings könnte die Nebelmaschine leiser sein…. Guter Einfall war auch , Samiel mit einer Schauspielerin zu besetzen. Im hochgeschlitzten, eng anliegenden glanzenden Lackkleid, langen Handschuhen und hochhackigen Pumps (hui, dass die nciht gestolpert ist bei den verschiedenen Bühnenebenen!) tritt sie auf und lacht Kaspar aus. Sie hat die Macht und alle Gewalt über die Anwesenden. Es bleibt jedoch rätselhaft, warum sie zu Anfang und Ende des Stücks als eine Art Engel mit schmutzig-weißem Kleid und einer schwarz-rot-goldenen Borte um den Körper auftreten muß….als die dumpfe Ahnung, als ein Zukunftsgespinst, als Prophezeiungsengel für das Ende des Sozialismus und dem Anschluß an die BRD (und somit auch an die „soziale Marktwirtschaft“ bzw. dem Kapitalismus)?

Und der am Tisch des „Festkommitees“ stocksteif sitzende, zuerst schweigende, in grauer, kragenloser Jacke bis oben hin zugeknöpfter Mensch, der aussah wie der Klischee-Kommunist selbst (immer grantig blicken, langweilige, militärartige Kleidung tragen, höheren Posten in der Partei haben), der soll dann zum Schluß der Eremit sein, der das Paar Agathe und Max erlöst?? Also nee!

Der gesungene Text ist nunmal auf die Kirche, auf den Eremiten, der ein christlicher Geistlicher ist, zugeschnitten! Um die Kirche kommt man in dieser Oper nciht herum, es gibt nur Gut und Böse, keine Schattierungen. Dafür ist es eben eine romantische Oper, die ich an sich gern habe. Es ist klar, dass jede(r) sein Hirn bezüglich moderner, gerechter Geschlechterverhältnisse u.a. vorher ausschalten muß. Dafür ist es eine Oper. Grundsätzlich finde ich auch moderne Inszenierungen gut; so hat es vor Jahren am Stadttheater Fürth  HÄndels „Acis und Galatea“ sehr gut getan, „The Plains“ (die Weiden mit Schafen) in eine Nachtbar zu verlegen.

Aber bitte: nicht beim Freischütz. Wenn das mit dem Eremiten, der als strenger Parteivorsitzender daherkommt (warum mußte ich an so Kröten wie Honnecker oder Breschnev denken?) Satire sein soll… oder versteckte Kirchenkritik ums Eck… hm. Bitte nicht beim Freischütz! Mein Traum ist noch nicht wahr geworden. Ich möchte den „Freischütz“ mal auf der Freilichtbühne Wunsiedel sehen. Mit Felsen, mit Wald… und hoffentlich „richtigen “ Jägern und Frauen, die auch Festkleidung tragen dürfen.

Die Musik war meist sehr schön. Aber bei der Inszenierung vergebe ich einige Minuspunkte.

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DER FREISCHÜTZ, Oper von Carl Maria von Weber,

noch zu sehen am Samstag, den 4. Juli um 21 Uhr im Innenhof des UHG in Jena.

http://aov.mleo.net/index.php?option=com_content&task=view&id=11&Itemid=28

Das Sterben der kleinen Läden und Handwerksbetriebe

Das ‚Phänomen‘ ist nicht nicht neu. Immer wieder liest und sieht man, dass kleine Läden schließen. Doch manchmal tut es wirklich weh.

Die vergangene Woche war die letzte Woche, in der die Fleischerei Petersohn Jena in der Zwätzengasse geöffnet hatte. Am Samstag den 20. Juni 2015 war der allerletzte Verkaufstag.

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Petersohn: er einzige Laden in Thüringen, der Bratwürste produziert(e), die der fränkischen Bratwurst am ähnlichsten war. Dessen Wurst nicht versalzen war. Und, wenn man ehrlich ist: nicht wirklich teuerer als die abgepackte Wurst, von der besseren Qualität ganz zu schweigen.

Zugegeben, ich bin nicht jeden Tag und auch nicht jede Woche dort einkaufen gegangen. Das Ding war eben: meist arbeite ich, wenn ich in diesem Teil der Stadt unterwegs bin, in der Thulb (=Thüringer Landes und Universitätsbibliothek). Man kann von offener Wurst und Fleisch nicht erwarten, dass sie mehrere Stunden eingeschlossen im Garderobenfach der Thulb frisch bleibt. Deshalb habe ich gerne die Wurst im Glas als Abendessen bei der Fleischerei Petersohn gekauft.

Ein wahrhaft historischer Kassenbon ist das nun.

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(bitte keine Kommentare wegen des Motivs – darauf habe ich als Käuferin keinen Einfluß).

An was liegt es, dass der Laden Fleischerei Petersohn schließen hatte müssen?

An zu hohen, für einen kleinen Handwerksbetrieb unerfüllbaren (weil mit hohen Zusatzkosten) verbundenen Hygienevorschriften? An zuwenig Kundschaft, also zuwenig Umsatz?

Ersteres hielt ich für am wahrscheinlichsten. Als ich am Samstag den 20. Juni dann doch noch Bratwürste kaufen konnte meinte die Verkäuferin nur knapp: „zu hohe Ausgaben als Einnahmen. Voll war der Laden nur mittags.“ Das hat wohl nach außen hin getäuscht: es waren doch nicht genug Kund_innen gewesen.

Sehr schade, wirklich traurig sogar! Wurst und Fleisch, das nicht ewig durch Deutschland gekarrt wurde, nicht versalzen ist, ist nur noch schwer zu bekommen. Bei Lebensmitteln spielt die Qualität eine wichtige Rolle – deshalb darf es auch ‚mehr‘ kosten. Im Vergleich mit anderen Ländern ist es sowieso absurd, wie billig Lebensmittel in D,. sind.

In memoriam Fleischerei Petersohn.

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Ich hoffe, dass dem noch nciht so alten Chef und Fleischermeister noch was einfällt… ein Trumpf, den er hoffentlich noch im Ärmel hat…

Neue (Pflanzen-)gattung: Rheum rhabarbarum Velo

Das Rheum rhabarbarum Velo (Rhabarberfahrrad) ist eine Kreuzung zwischen rheum rhabarbarum (Rhabarber) und Veloziped (Fahrrad) und stellt ein absolutes Novum in der Geschichte des Gartenbaus dar da völlig unterschiedliche Arten erfolgreich gekreuzt werden konnten. Das Rheum rhabarbarum Velo ist ein sehr genügsames Transportmittel für Rheum rhabarbarum und erfüllt alle Erfordernisse der STVO und STVZO. Augrund seiner großen Blätter und für ein Veloziped ungewöhnliches Aussehen wird es häufiger als das reinrassige Veloziped von Sicherheitskräften kontrolliert. Dies tut dem sicheren Transport  und der Freude am Fahren des Rheum Rhabarbarum Velo jedoch keinen Abbruch.Allerdings kann es sich wegen seiner Bauweise nur mit Geschwindigkeiten von 15-17 km/h fortbewegen (Artgenossen von Velo agilis (Rennrad): bis zu 70 km/h und velo velox (Trekkingrad)). Aufgrund der saisonalen Bedingtheit ist das Rheum rhabarbarum Velo nur in den Monaten Mai und Juni auf den Landstraßen in den mittleren Breiten zu finden. WP_000617 WP_000616 Die flügelähnlichen Bauteile (Grün im Bild) befähigen allerdings nicht zum Fliegen.

Links: http://de.wikipedia.org/wiki/Gemeiner_Rhabarber

http://de.wikipedia.org/wiki/Fahrrad

Weiterführende Links: http://www.stvo.de/

Die StVZO

Welch eine Unverfrorenheit – die Haare

Jena, Mittwoch (13.05.2015) abend, gegen 20 Uhr. Das Training der 22 oder mehr Hanserln, die beim SV der Firma Schott dem Ball nachlaufen, ist beendet. Am Eingang des Geländes herrscht reges Treiben, weil Spieler das Feld verlassen und mit ihren Blechkisten nach Hause fahren. Sehr authentisch als Sportler. An diesem Gelände geht der Radweg Innenstadt – Oberaue (=Gelände des FCC Jena) – Lobeda vorbei. Ein Unding, dass dort Autos parken dürfen. Wäre auch eine zu große Zumutung, wenn die armen Fußballer, die doch während des Trainings schon soviel gerannt sind, noch ein paar Meiter weiter zum Parkplatz am FCC-Gelände (der nicht immer belegt sein kann, das sehe ich selbst, wenn ich dran vorbeiradel)  laufen müßten.

Das ist es, was als Radfahrer_in nervt.

Meist kommt es aber nicht zu Zusammenstößen.

Allerdings kam gestern abend noch ein weiteres Ereignis hinzu, das mich ärgerte.

Ein alter Mann von mindestens Mitte 50 sitzt in seinem SUV und will gerade vor dem Gelände des SV Schott wegfahren. Ich komme mit dem Rad aus der Gegenrichtung. Schon der Besitz und Gebrauch eines SUV ist ein Frevel: der sinnlose Blechberg braucht unheimlich viel Platz, ist aufgemotzt, als ob er in unwegsamen, wohl auch noch umkämpften Gelände unterwegs sein müßte. So ein Ding hat in der Stadt, wo es ausnahmslos geteerte Straßen gibt, NICHTS VERLOREN!!!

Das allein ist ein Grund zum Ärgernis. Aber es gibt noch einen weiteren.

Der Depp sieht mich vorbeiradeln und fängt das Lachen an. Aber nicht, weil er so begeistert über den Radverkehr oder den Fußball in Jena wäre. Nein. Er lacht über mich, weil ich einen Rock trage, der – ach wie unverschämt – einen Blick auf meine Unterbeine erlaubt. Die böse Evolution hat keinen Anstand: sie hat auf allen Menschenbeinen Haare hinterlassen, die keine Funktion mehr haben. Noch dazu sind manche Menschenbeine keine dünnen Bleistiftstriche. Man sollte die Natur wegen ästhetischer Mängel verklagen können. Ich war leider zu k.o. von anderen Dingen, als dass ich den Idioten zur Rede stellen hätte können. Mir kam auch noch in den Sinn, was eine Chorkollegin aufgrund des Themas Figur mir mal antwortete auf die Frage, wie sie bei Beleidignungen reagiere: „ich überlege, ob es mir wert ist, dass ich den Typen dann kritisiere.“

Doch es es geht hier nicht nur um eine persönliche Beleidigung. Es geht um mehr.

Es geht darum, dass diese verdammte Gesellschaft endlich körperliche Merkmale als ’normal‘ akzeptiert, anstatt sie wie Krankheiten zu brandmarken! Ich war auch genervt von unserer ehem. Chorleiterin die meinte, meine Chorkleidung maßregeln zu müssen wegen meiner ach so häßlichen Haare auf der Haut. Die bösen Haare haben nämlich auch die Eigenschaft, sich  von einer Feinstrumpfhose nicht komplett bändigen zu lassen. (Und hört mir auf mit diesem drecks Rasier-Scheiß. Verbraucht nur sinnlos Lebenszeit und versorgt nur die Kosmetik-Industrie). Seltsam. Früher in den 1980ern durfte ein Popstar namens Nena ohne Probleme mit sogar dicken Büscheln unter den Armen auf der Bühne singen. Keinen und keine hat es gestört. Seit einigen Jahren ist das Geschrei groß, als ob es sich bei den Resten der Evolution u krankmachende, vielleicht auch noch ansteckende Krankheitserreger handeln würde.  Diese Reste der Evolution machen nicht krank, sie sind meist auch nicht soo dicht, dass man sie unbedingt erkennen würde, da muß man schon sehr nah und genau hinschauen. Oder schaut sich jemand zuerst die Beine seines Gegenübers an? Wer legt fest, wer macht ein Gesetz, was „schön“ ist, und wer nicht? Schon mal das eigene ästehtische Empfinden hinterfragt?

Übrigens, wer es noch nicht kapiert hat: die Beine sind unten am Körper und der Mensch läuft mit dem Kopf und den Augen nach oben gerichtet herum. Was im GESICHT IST, DAS sieht man als erstes und am deutlichsten.

Deshalb fordere ich jetzt, wenn es Mannsbilder stört, dass Frauen Haare auf den Beinen (und auf den Zähnen) haben auf, keinerlei Bärte mehr zu tragen. Und auch Halbglatzen und Glatzen sowieso gehören verboten. Dass sich sowas mit häßlichen Haaren, der „Wolle“ im Gesicht oder einer Halbglatze überhaupt noch aus dem eigenen Haus traut! Pfui!  Vollbärte, Drei-Tage-Bärte, Schnurrbärte u. a., Halbglatzen und Glatzen, all das stört mein ästhetisches Empfinden und hat deshalb zu unterbleiben. Verstanden, du Arsch von SUV-Fahrer mit häßlich-grausigen Schnurrbart???

(und paßt auf, Männer: I ALWAYS HAVE MY SCISSORS IN MY BAG!!! Ritsch-ratsch, Haare ab!!! Arrrgh)